Jens Mühling entdeckt den wilden Osten : Wenn die Zeit unter die Räder kommt

Du wachst auf, und vor dem Fenster sind Birken. Es sind die gleichen, aber nicht dieselben Birken wie am letzten Morgen. Wo bist du?

Auflösung: Du bist in einem Abteil der transsibirischen Eisenbahn. Gestern Nacht bist du kurz hinter Krasnojarsk eingeschlafen, heute morgen kurz vor Omsk aufgewacht. Die Birkenwälder vor dem Fenster hast du nie gesehen, aber es sind die gleichen wie gestern und vorgestern und morgen und übermorgen. Gewechselt hat über Nacht einer deiner Abteilnachbarn. Der Glatzköpfige, mit dem du gestern armenischen Kognak getrunken hast, ist ausgestiegen, seinen Platz hat ein Bärtiger eingenommen, mit dem du heute sibirischen Zedernusswodka trinken wirst. Deine Bettwäsche ist weiß mit blauen Streifen. Das Abteil riecht nach Räucherfisch und hartgekochten Eiern. Das Fenster lässt sich nur mit einem Vierkantschlüssel öffnen, aber du hast keinen, und die Schaffnerin rückt ihren nicht raus. Dir gehen langsam die Bücher aus. Du hast ganz schlön lange nicht mehr geduscht.

Irgendwo auf der Strecke Richtung Moskau hast du das Zeitgefühl verloren. Zonenweise sind die Stunden unter die Räder gekommen, Mitteleuropa plus zehn, plus neun, plus acht. Am Anfang hast du mitgerechnet, jetzt lebst du allein im Takt deines Magens. Ein Mitreisender behauptet, man müsse die Uhr bei jedem Halt eine Viertelstunde zurückdrehen, dann sei man sieben Tage nach Wladiwostok exakt auf Moskauer Ortszeit. Die Zeitbestimmung wird zur Denksportaufgabe, so vertrackt wie die Kreuzworträtsel der blondierten Frau auf dem Nebensitz (Zahlwort mit elf Buchstaben?). „In der transsibirischen Eisenbahn“, sagt ihr philosophisch veranlagter Ehemann, „weiß man entweder, wo man ist, oder man weiß, wann man ist. Beides gleichzeitig kann man unmöglich wissen.“ Beim Versuch, den Satz zu verstehen, bekommst du Kopfschmerzen.

Du kennst die Lebensgeschichten aller Mitreisenden. Wolodja (Wladiwostok-Tscheljabinsk) war zu Sowjetzeiten Rennfahrer, jetzt liefert er Autos aus. Früher fuhr er schnell im Kreis, heute im Gebrauchtwagentempo von A nach B und mit 65 transsibirischen Durchschnitts-km/h zurück von B nach A. Mascha (Irkutsk-Moskau) hat einen Mann am Baikalsee und einen in der Hauptstadt. Der Sibirier trinkt, ist aber der bessere Liebhaber, der Moskauer hat Geld, aber keine Seele. Sergej I (Krasnojarsk-Jekaterinburg) ist überzeugter Monarchist. Sergej II (Chabarowsk-Jaroslawl) ist überzeugter Kommunist. Sergej III (Ufa-Moskau) ist alles wurscht, aber er vertritt seine Weltanschauung leidenschaftlicher als Sergej I und II: „Scheiß-Zar, Scheiß-Partei, Scheiß-Kapitalismus, interessiert mich alles ü-ber-haupt nicht, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie verdammt wurscht mir das alles ist!“ Sonja (Tschita-Tscheljabinsk) lernt Deutsch und kann den Unterschied zwischen „das gleiche“ und „dasselbe“ nicht begreifen. Du erklärst: „Die Birken sind die gleichen wie gestern, aber nicht dieselben.“ Sonja nickt erleuchtet. „Ist Wort für Bäume, ja?“

Du (Krasnojarsk-Moskau) wirst heute nacht plötzlich aus dem Schlaf aufschrecken. Erst weißt du nicht, warum. Dann siehst du auf die Uhr, und dir fällt ein, dass der Zug jetzt (in diesem Moment!) den Ural passiert, die Grenze zwischen Asien und Europa. Du siehst aus dem Fenster. Nachts sind alle Birken gleich. Du wartest gespannt auf eine Veränderung, die nicht eintreten will. Angestrengt horchst du in die Dunkelheit, aber da ist nur das Stampfen der Räder. Und das Klopfen deines Herzens.

Schwellenschlag.

Und Schwellenangst.

Wo bist du?

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