Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Audienz beim Revolutionszombie

Monatelang war ich durch die ehemalige Sowjetunion gereist, und am Ende hatte ich Lenin in wirklich allen Varianten gesehen. Von Kiew bis Sibirien, vom Weißen bis ans Schwarze Meer hatte ich seine Denkmäler studiert. Ich kannte Bronze-Lenins und Messing-Lenins, Marmor-Lenins, Granit-Lenins und Basalt-Lenins, ich kannte Lenin-Mosaike, -Büsten, -Reliefs und -Gobelins. Untersetzte Lenins waren mir so vertraut wie schmale, schmeichlerisch gelängte Lenins, und ich hatte gelernt, dass in seinen Gesichtszügen je nach Standort mal die europäischen, mal die asiatischen Merkmale überwiegen. Ob sorgenschwer oder siegessicher, fingerzeigend oder faustballend, grübelnd oder agitierend, stehend oder sitzend: Kein Lenin war mir fremd.

Nur den liegenden Lenin hatte ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Eines Wintertages betrat ich dann endlich das Mausoleum am Roten Platz, und während ich das dunkelrote Granitlabyrinth durchschritt, überkam mich ein feierliches Gefühl der Vollendung – ungefähr wie beim Sudoku, wenn man nach langem Kombinieren die letzte Zahl einträgt. Ich hätte meinen Sammlerstolz gerne mit jemandem geteilt, aber die Soldaten in den Mausoleumsgängen waren sichtlich um Würde bemüht, und ich hatte das Gefühl, dass sie meinen Sudoku-Vergleich nicht schätzen würden.

Kein Denkmal konnte mich vorbereiten auf das, was im Herzen des Mausoleums auf mich wartete. Ein Lenin aus … fast hätte ich gesagt: Fleisch und Blut. Aber Blut fließt in Lenins Adern seit dem 21. Januar 1924 nicht mehr, und was das Fleisch angeht, scherzen Russen, dass der konservierte Leichnam inzwischen den gleichen Nährwert haben dürfte wie moldawisches Dosenfleisch (70 Prozent Soja, 20 Prozent Farbstoff, 10 Prozent Bauschutt).

Ich konnte das leider nicht verifizieren. Ein gläserner Sarg schützt Lenin vor Zudringlichkeiten. Sakral gedämpftes Licht umspielt den Ziegenbart des Chefproletariers. Seine linke Hand ruht entspannt auf rotem Samt, die andere ist zur Faust geballt – es sieht aus, als spanne er den rechten Arm an, um im nächsten Moment elegant aus dem Sarg zu flanken. Seine Haut wirkt unnatürlich gelb und wächsern. Eher glasiertes Ferkel als moldawisches Corned Beef, dachte ich – und biss mir erschrocken auf die Zunge: Was ich da anstarrte wie die Schaufensterdekoration eines Chinarestaurants, war immerhin mal ein Mensch gewesen. Dann aber fiel mir ein, dass Lenin sicher auf meiner Seite gewesen wäre: Von Materialisten bleibt nun mal bloß Materie, eine Seele haben die ja nicht.

Nach einer halben Minute wurde ich zurück auf den Roten Platz gespült, da stand ich unter den Lebenden und konnte kaum fassen, dass ich gerade mitten in Moskau ein Pharaonengrab besucht hatte. Vielen Russen ist dieser Revolutionszombie in ihrer Mitte inzwischen ein bisschen peinlich – gerade wird wieder diskutiert, ob man ihn verscharren sollte. Doch Beisetzungsforderungen gehören ebenso unverbrüchlich zur Lenin-Folklore wie Kranzniederlegungen am Tag der Oktoberrevolution.

Ich bat meine russischen Freunde um Prophezeiungen, wie lange Lenin wohl noch da liegen werde. Die Antworten reichten von „2013“ bis „für immer“. Letzteres glaube auch ich. Es ist zu spät. Man hätte Lenin in den Wendejahren ausquartieren müssen. Jetzt gibt es keinen drängenden Grund mehr, nur noch ein Unwohlsein, aber das wird sich abschleifen. Am Ende wird Lenins Leichnam eine Sehenswürdigkeit sein, eine historische Kuriosität. Die Russen werden ihn irgendwann mit dem gleichen amüsierten Spott betrachten, der sie in St. Petersburg über die Einweckgläser mit den deformierten Embryonen staunen lässt, die Zar Peter der Große leidenschaftlich sammelte.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Moritz Rinke, Elena Senft, Jens Mühling und Christine Lemke-Matwey.

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