Jens Mühling erkundet den Wilden Osten : Der Traum des Zarensohns

Oleg Filatow lernte ich im Sankt Petersburger Marinemuseum kennen, er arbeitet dort als Militärhistoriker.

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Schon rein körperlich ist Filatow ein auffälliger Mann: Mit seinem bleichblonden Spitzbart und den wasserblauen, leicht fischigen Augen sieht er aus wie ein Albino-Zwilling des letzten russischen Zaren, Nikolaj II.

Es ist ein Vergleich, den Filatow nicht selten hört, und nicht ungern. Im Gegenteil, der Vergleich spricht ihm aus der Seele. Das hat familiäre Gründe. Oleg Filatow ist nämlich – nun ja, sagen wir, er könnte es sein, auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich und eigentlich nahezu ausgeschlossen ist, aber ganz genau wird man es wohl nie erfahren – Oleg Filatow ist der Erbe des russischen Zarenthrons.

In einem Restaurant am Newskij Prospekt erzählte er mir seine Geschichte. Zwei Stunden lang lauerte ich auf Widersprüche und Ungereimtheiten, ich wartete auf die Selbstentlarvung eines Hochstaplers. Vergeblich. Die Geschichte mag haarsträubend sein, aber erfunden hat Filatow sie nicht. Er glaubt sie.

Juli 1918. Zar Nikolaj Romanow, seine Gattin Alexandra, ihre vier Töchter und der 14-jährige Thronfolger Alexej werden nachts in den Keller einer Jekaterinburger Villa geführt. Das fünfköpfige Erschießungskommando stellt das Feuer erst ein, als sich niemand mehr regt. Die Leichen werden in der gleichen Nacht von ein paar handwerklich überforderten Bolschewiken zerstückelt, verbrannt, mit Säure übergossen und in einen Schacht geworfen, der trotz Sprengung nicht einstürzen will. Entnervt verscharrt man, was übrig ist, in einem Waldstück, wo die Zarenüberreste erst in den frühen 90er Jahren entdeckt werden.

So steht es in den Geschichtsbüchern. Oleg Filatows Vater hasste die Geschichtsbücher. Zum Glück war er Geografielehrer. In der Schule musste er über Geschichte nicht sprechen, und zu Hause sprach Wasilij Filatow generell nicht viel. Erst mit 81, auf dem Sterbebett, eröffnete der schweigsame Vater seinem Sohn Oleg, was 1918 wirklich geschehen war: Alexej, der Thronfolger, hatte überlebt. Zwei Soldaten retteten ihm das Leben, sie gaben den Jungen in die Obhut einer sibirischen Kosakenfamilie. Obwohl er ein kränkliches Kind war, hatte der Zarensohn bis ins hohe Alter überlebt. „Er lebt immer noch“, sagte Olegs Vater. Dann tat Wasilij Filatow alias Alexej Romanow seinen letzten Atemzug und starb.

Als Oleg Filatow die Geschichte weitererzählte, glaubte ihm natürlich kein Mensch. Dass er sich kurz nach dem Tod seines Vaters einen zaristischen Spitzbart stehen ließ, machte ihn nicht unbedingt glaubwürdiger, aber ich traute mich nicht, ihm das zu sagen. Er tat mir leid. Seit zwei Jahrzehnten versuchte er nun, die Geschichte seines Vaters zu beweisen, ohne Erfolg. Er war die Geisel einer Familienlegende.

Ein paar Wochen nach unserer Begegnung hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war der Zarensohn. Obwohl ich höchstens vier oder fünf Jahre alt gewesen sein kann, wusste ich: Eines Tages gehört mir der Thron. Wessen Zaren Kind ich war, weiß ich nicht, aber definitiv war ich nicht Alexej – der Traum schien eher im Mittelalter zu spielen, ich wurde dann nämlich mit einem Schwert umgebracht. Es war ein qualvoller, blutiger Tod, aber ich weinte nicht, ich starb als Held. Dann wechselte ich träumend die Rolle und wurde mein eigener Rächer, ein kräftiger Kerl mit einer dicken Knarre, ein bisschen wie Mel Gibson in „Mad Max“. Mit einem Motorrad fuhr ich durch Russland und suchte meinen eigenen Mörder. Bevor ich ihn fand, wachte ich auf.

Ich hoffe, ich werde im Alter die Weisheit haben, diesen Traum nicht auf dem Sterbebett meinem Sohn zu erzählen.An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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