Jens Mühling erkundet den Wilden Osten : Dichtung und Wahrheit

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Ich leide derzeit an einem schweren Fall von Déjà-vu. Der neue russische Präsident heißt Wladimir Putin, und alle reden von Fälschungen. Genau so war es auch vor zwölf Jahren, als Russland zum ersten Mal in mein Leben trat.

Damals, ich war noch Student, fiel mir eines Tages in der Uni ein Aushang auf: „TV-Produzent sucht Praktikanten.“ Als ich die angegebene Nummer wählte, meldete sich ein Mann mit schwerem slawischen Akzent, der mich zum Vorstellungsgespräch in seine Wohnung einlud. Juri kam aus Moskau und hatte sich in Berlin ein kleines Heimstudio aufgebaut, mit dem er Fernsehbeiträge für deutsche Sender produzierte. Beim Vorstellungsgespräch zeigte er mir einen seiner Filme, der von einem exklusiven Moskauer Club für gelangweilte Rubel-Milliardäre handelte. Die Clubmitgliedschaft war irrsinnig teuer, aber dafür bekam man auch etwas sehr Spezielles geboten: drei unerwartete Erlebnisse pro Jahr. Die Angestellten des Clubs, allesamt ehemalige KGB-Agenten, spionierten den Alltag ihrer Kunden bis ins kleinste Detail aus, um zum geeigneten Zeitpunkt scheinbare Zufallsabenteuer zu inszenieren – meist erotischer Art.

Nach dem Abspann sah Juri mich fragend an. „Und?“

„Unglaublich“, sagte ich staunend. „Wer kommt auf so was?“

„Ich komme auf so was“, sagte Juri trocken. „Den Club gibt es nicht. Die Darsteller sind Freunde von mir.“

Irritiert sah ich ihn an.

„Weißt du“, fuhr er fort, „die wahren Geschichten sind in Russland viel unglaublicher als alles, was ich mir ausdenken könnte. Aber die kauft mir hier niemand ab. Deshalb erzähle ich die Geschichten, die man in Deutschland über Russland hören will.“

Ich fühlte mich ertappt. Tatsächlich hatte der Film das unklare Klischeebild bestätigt, das ich mir von Juris Heimat machte.

So also trat Russland in mein Leben: als ein Land, in dem die wahren Geschichten unglaublicher sind als die ausgedachten. Dass Juri nicht gelogen hatte, merkte ich schnell, als ich zum ersten Mal nach Russland reiste. Heute, zwölf Jahre und ungezählte Reisen später, staune ich immer noch, was man zwischen Moskau und Kamtschatka so alles erleben kann. Als Leser dieser Kolumne haben Sie vielleicht selbst manchmal gestaunt, obwohl Sie die unglaublichsten Geschichten noch gar nicht kennen, denn die habe ich mir aufgespart für mein Buch „Mein russisches Abenteuer“, das diese Woche im Dumont-Buchverlag erscheint.

Juri verlor übrigens bald das Interesse an gefälschten Geschichten, er ist heute ein seriöser Wissenschaftsjournalist. Putin dagegen ... nun ja. Als nach den Parlamentswahlen im Dezember die ersten Amateurvideos kursierten, die unmissverständlich Wahlfälschungen dokumentierten, taten Putins Leute diese Aufnahmen kurzerhand als Fälschungen ab – gefälschte Wahlfälschungen, gefilmt in gefälschten Wahllokalen. Um in Zukunft alle Fälschungen und Fälschungsfälschungen auszuschließen, ließ Putin dann in allen Wahllokalen Internetkameras montieren.

Eine dieser Kameras – und jetzt wird es ein bisschen kompliziert – hat kurz vor der Präsidentschaftswahl ein bizarres Schauspiel mitgeschnitten, die Zufallsaufnahme kursiert seit ein paar Tagen im russischen Netz. Zu sehen sind dort – jetzt bitte konzentrieren! – regimetreue Aktivisten, die in einem echten Wahllokal einen Film drehen, der zeigen soll, wie oppositionelle Aktivisten in einem gefälschten Wahllokal einen gefälschten Film über gefälschte Wahlfälschungen drehen.

Ich gebe zu, ich musste das selbst dreimal lesen, um es zu verstehen. Erst dann begriff ich, dass ich es mit einer jener russischen Geschichten zu tun hatte, die so unglaublich klingen, dass sie nur wahr sein können.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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