Jens Mühling erkundet zum letzten Mal den Wilden Osten : Seufz zum Abschied „Do swidanija“

Zwei Mal habe ich versucht, mich von Russland zu verabschieden, zwei Mal ist es schiefgegangen. Diesmal aber ist wirklich Schluss.

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

An den ersten Versuch erinnere ich mich noch sehr deutlich. Es war 2005, ich hatte zwei Jahre in Moskau gelebt und war auf dem Sprung zurück nach Berlin. Am letzten Abend traf ich mich mit ein paar russischen Freunden. Als wir uns spät nachts verabschiedeten, flossen Tränen.

„Denk unbedingt ans Seufzen“, sagte eine Freundin.

„Seufzen?“

„Seufzen. Vor der Abfahrt musst du dich auf die gepackten Koffer setzen, kurz innehalten, seufzen. Sonst geht unterwegs garantiert alles schief.“

„Na klar“, sagte ich – mit einem sarkastischen Unterton, den ich bis heute bereue.

Alleine lief ich, nachdem wir uns verabschiedet hatten, noch eine Weile durch die Moskauer Nacht. Am Puschkin-Platz kam ich mit ein paar Jungs aus Aserbajdschan ins Gespräch. Es waren nette Jungs, wirklich. Netterweise spendierten sie mir sogar ein Dosenbier, was leider meine letzte Erinnerung an jene Nacht ist. Die Wirkung der K.o.-Tropfen ließ erst am nächsten Tag nach, als ich vernebelt im Krankenhaus zu mir kam, ohne Geld und Handy, dafür mit blauen Flecken und vernähten Wunden im Gesicht.

„Siehst du?“, sagten meine russischen Freunde, als sie mich am Krankenbett besuchten. „Das kommt davon, wenn man nicht seufzen will.“

So verzögerte sich mein erster Abschied von Russland um zwei Wochen. Als ich mich endlich auf den Weg machte, setzte ich mich vor der Abfahrt brav auf meine Koffer und seufzte mir die Seele aus dem Leib.

Zurück in Berlin fehlte mir Russland so sehr, dass ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder hinfuhr. Das ging ein paar Jahre so, bis sich irgendwann der zweite Abschied ankündigte. Ich war Russland plötzlich leid. Die Majonnaise-Salate hingen mir zum Hals raus, ich konnte keinen Wodka mehr sehen, mir ging die seufzende Schicksalsergebenheit meiner Moskauer Freunde auf die Nerven („...da kann man nichts machen... nimm es hin... so ist das Leben...“). In meiner Berliner Wohnung packte ich einen symbolischen Koffer. Ich belud ihn mit all meinen Russland-Erinnerungen und beschloss seufzend, mir ein anderes Lieblingsland zu suchen.

Eine Weile ging es gut. Aber nicht sehr lange. Nach ein paar Wochen ertappte ich mich dabei, wie ich im Geiste um meinen symbolischen Koffer herumschlich. Ohne es zu wollen, packte ich Erinnerungen aus: den metallischen Geruch der Moskauer Metro, das Klirren der Wolga, wenn die Eisdecke schmilzt, den Schwellenschlag der transsibirischen Eisenbahn. Wenn ich vor dem Bücherregal stand, griff ich instinktiv nach Dostojewskij, wenn ich Birken sah, standen mir Tränen in den Augen – und es lag nicht am Heuschnupfen. Kaum ein halbes Jahr nach meinem zweiten Abschied von Russland saß ich schicksalsergeben in einem Flugzeug nach Moskau.

Jetzt, wieder ein paar Jahre später, steht der dritte Abschied an. „Mein russisches Abenteuer“, das Buch, für das ich in den letzten zwei Jahren kreuz und quer durch Russland gereist bin, ist fertig, seit drei Wochen steht es in meinem Bücherregal. Neben den Dostojewskij-Bänden sieht es natürlich aus wie ein Reisetäschchen neben einem Seesack, aber immerhin, es ist groß genug, um sich vorsichtig drauf zu setzen und seufzend Abschied zu nehmen. Nicht von Russland – das habe ich inzwischen aufgegeben. Aber von dieser Kolumne. In vier Wochen werden Sie hier keine Russland-Geschichten mehr lesen, sondern etwas völlig anderes. Do swidanija!

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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