Jens Mühling lernt Türkisch : „Kahve telvesi“ heißt „Kaffeesatz“

In einem Reisebuch über China las ich neulich, der Umriss des Landes erinnere an ein Huhn, dessen Schnabel im Pazifik nach Körnern sucht. Ich sah mir China auf der Landkarte an und fand den Vergleich sehr treffend. Sofort ließ ich den Blick Richtung Westen schwenken und versuchte, mir einen ähnlich guten Vergleich für die Landesumrisse der Türkei auszudenken. Ich sage Ihnen, einfach ist das nicht.

Der Umriss der Türkei erinnert an einen Pferdekopf, der sich im Kaukasus verbeißt und von Bulgarien am Ohr gezogen wird.

Der Umriss der Türkei erinnert an ein platt gedrücktes Kaugummi.

Der Umriss der Türkei erinnert an einen Panzer, der einen Schuss auf Europa abfeuert.

Die Umrisse des Schwarzen und des Mittelmeeres erinnern an einen Drachen, dessen Kiefer die Türkei zermalmen.

Der Umriss der Türkei erinnert an ein Schnitzel. Aber das ist kein origineller Vergleich, sehr viele Länder erinnern an Schnitzel, auch manche Städte. Wenn ich in der Grafik-Redaktion des Tagesspiegels einen Berlin-Umriss bestelle, antworten die Kollegen dort oft: „Ein Schnitzel, jawohl, kommt sofort.“

In einem Artikel über die geostrategische Bedeutung der Türkei fand ich diesen Satz: „Schon auf der Karte ist ersichtlich, dass selbst im Umriss die Türkei an einen Flugzeugträger erinnert.“ Ich persönlich kann keinen Flugzeugträger in der Türkei erkennen, aber ich kenne mich mit Flugzeugträgern auch nicht gut aus.

In einem Internetforum fand ich den Eintrag einer Frau, die ihre neue Frisur mit dem Umriss der Türkei vergleicht. Sie hat leider kein Foto dazugestellt, weshalb ich mir das nur schwer bildlich vorstellen kann. Aus dem Ton des Eintrags schließe ich aber, dass die Frau den Vergleich durchaus vorteilhaft meint.

Der Umriss der Türkei erinnert mich an eine Geschichte, die ich einmal in Istanbul erlebt habe. Ich saß mit einem deutschen Freund in einem Café. Am Nebentisch saßen zwei sehr hübsche Türkinnen, die einen Mokka nach dem anderen tranken. Sobald eine Tasse leer war, deckten sie sie mit der Untertasse ab, stellten beides auf den Kopf, ruckelten ein paarmal daran herum und hoben schließlich die Tasse hoch. Dann interpretierten sie minutenlang den Kaffeesatz, der auf dem Untersetzer zurückgeblieben war. Ihre Zukunft schien sehr rosig auszusehen, jedenfalls kicherten sie die ganze Zeit beim Kaffeesatzlesen.

Mein Freund und ich wollten das natürlich auch ausprobieren. Wir bestellten zwei Mokka, tranken, drehten die Tassen um – und starrten ratlos in zwei unförmige Pfützen.

„Und jetzt?“, fragte mein Freund.

„Keine Ahnung“, sagte ich.

„Ich sehe da nur … Kaffeesatz.“

„Benutz deine Fantasie.“

Eine Weile versuchten wir erfolglos, den Pfützen Formen zu entringen, aber was immer wir vorübergehend zu erkennen glaubten, überzeugte uns beim näheren Hinsehen nicht mehr. Irgendwann schlug mein Freund flüsternd vor, die Mädchen vom Nebentisch um Hilfe zu bitten, was, wie ich insgeheim vermutete, überhaupt der Grund für die ganze Mokka-Bestellerei gewesen war, mein Freund war damals ausgesprochen alleinstehend.

Doch während wir über unserem Kaffeesatz gebrütet hatten, waren die Mädchen gegangen. Der Nebentisch war leer, nur ein paar Untertassen waren zurückgeblieben, mit Kaffeesatzflecken, die irgendwie verheißungsvoller aussahen als unsere eigenen. Mein Freund und ich sahen uns enttäuscht an. Unsere Zukunft, jedenfalls die unmittelbare, sah plötzlich trist aus.

Der Umriss der Türkei erinnert an einen Kaffeesatzfleck, der an den Umriss der Türkei erinnert.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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