Jens Mühling lernt Türkisch : „Köfte“ heißt Bulette

Während einer Urlaubsreise in die schöne kanadische Westküstenstadt Vancouver überkam mich plötzlich eine unbändige Lust auf heimisches Essen.

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

An der Uferpromenade entdeckte ich einen Imbiss mit dem viel versprechenden Namen „Anatolia Express“. Ich betrat den Laden, steuerte auf den türkischen Verkäufer hinter der Theke zu und sagte: „One Döner, please.“

Der Mann sah mich fragend an: „I’m sorry?“

„Döner“, wiederholte ich, „Turkish Döner, you know!“

„No“, sagte der Mann, „I don’t know Turkish Döner. You want Köfte?“

„No“, sagte ich, „Döner! You must know Döner, you are Turkish!“

„No“, sagte der Mann. „I’m not Turkish, I’m Mexican.“

Ich bestellte dann einen Köfte und aß es draußen auf der Uferterrasse. Das „Anatolia Express“ ist sehr privilegiert gelegen, man hat von der Terrasse einen traumhaften Blick aufs Meer und den Hafen und die dahinter liegenden Berge, dazwischen kreisen Wasserflugzeuge, die Touristen direkt aus dem Stadtzentrum in einsame Hütten in der kanadischen Wildnis transportieren. Auf der Uferpromenade rasen derweil stark gebräunte 80-Jährige auf Rollerblades hin und her, wobei die 80-Jährigen in Vancouver meist wie 50-Jährige aussehen und die 50-Jährigen wie 30-Jährige. (Es sei denn, sie haben in den seligen Joni-Mitchell-Zeiten zu viele Drogen genommen, dann fahren sie heute in Rollstühlen durch Eastern Downtown und sehen aus wie sehr gespenstische Hundertjährige.)

Dass in Vancouver Mexikaner Köfte verkaufen, kam mir erst komisch vor, bis mir einfiel, dass in Berlin jede zweite Pizza von Arabern gebacken wird. In Vancouver kommt hinzu, dass zwei von fünf Einwohnern der Stadt nicht in Kanada geboren sind, was natürlich Folgen für die Gastronomie hat, man kann hier zum Beispiel auch Hot Dogs mit japanischem Seetang essen, oder Peking-Enten-Burger mit French Fries und Gorgonzolasauce. Und überhaupt, dachte ich kauend, ist vielleicht die Sehnsucht nach Authentizität in Zeiten der Globalisierung nur ein nostalgischer Spleen. Als Deutscher kann man schließlich schlecht erwarten, dass die Türken in Kanada das Gleiche essen wie die Türken in Berlin – vor allem, wenn sie eigentlich Mexikaner sind.

Ein paar Tage später, kurz vor meiner Rückreise nach Berlin, ging ich noch einmal ins „Anatolia Express“. Hinter der Theke stand diesmal eine ältere Frau mit Kopftuch, die definitiv nicht mexikanisch aussah.

„Merhaba?“, sagte ich vorsichtig.

„Merhaba!“, antwortete sie strahlend.

Hüliya, die Inhaberin des Lokals, kam tatsächlich gewissermaßen aus Anatolien. Jedenfalls hatten ihre Vorfahren dort gelebt, bevor sie nach Nordafrika ausgewandert waren, von wo aus es sie nach Kalifornien verschlagen hatte, was für Hüliya wiederum nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Washington war, wo sie den Großteil ihres Lebens verbracht hatte, bevor sie schließlich in Kanada gelandet war.

Gemeinsam gingen wir die Speisekarte durch, auf der Suche nach Döner. Die Karte war mit kleinen, appetitlichen Fotos bedruckt, und die meisten Gerichte sahen aus, als hätten sie einen komplizierten Migrationshintergrund. Als hätte man sie in einen Schmelztigel der Kulturen geworfen und frittiert wieder herausgezogen.

„Maybe you want Durum Kebap?“, fragte Hüliya. Ich nickte ein kompromissbereites Nicken.

Mein kanadischer Döner sah aus wie ein kalifornisches Chicken-Wrap und schmeckte wie eine Mischung aus libanesischem Schawarma und mexikanischem Burrito.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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