Zeitung Heute : "Jenseits des Blickes": Wörter, Blumen

Georges Tamer

Die Libanesin Nadia Tuéni ist in der frankofonen Welt eine bekannte Dichterin. Als Tochter eines schriftstellernden Diplomaten und einer Französin 1935 in einer drusischen Familie geboren und später zum christlich-orthodoxen Glauben ihres Mannes konvertiert, wurde sie geprägt von der stoischen Mentalität der Drusen. Auch als Kind mediterraner Kultur in Griechenland heranzuwachsen, hat sicherlich die Entwicklung ihrer dichterischen Persönlichkeit beeinflusst. Dennoch hat sie wohl vor allem das Bedürfnis, ihrer persönlichen Leidensgeschichte Ausdruck zu verleihen, zu einer bedeutenden Dichterin gemacht.

Zunächst starb ihre kleinen Tochter an Krebs, dann erkrankte auch sie daran. Obendrein tat sie sich schwer, die arabische Niederlage gegenüber Israel 1967 zu verwinden. Auch der Bürgerkrieg im Libanon ab 1975 machte ihr zu schaffen. Die bis zur völligen Machtlosigkeit gesteigerte Erfahrung des Leidens, eine Erfahrung am Rande der Vernunft, schenkte ihr die Fähigkeit, Sprache als Handlungsmacht zu begreifen. Aus dem Leiden erwuchs ihr Zuversicht: "Werft nicht die alten Wörter weg. Ich werde Blumen daraus machen." Schreibend versuchte sie, Optimismus zu entwickeln. So heißt es in einem Gedicht: "die Nacht ist nicht so grausam / die der Sonne eine Zeit / zurückzukehren überlässt".

Ihre dichterische Reise endete bei Gott, den sie kurz vor ihrem Tod 1983 nicht als "eine Zuflucht" für Schwache, sondern auf eine mystische Weise als "eine Lösung" sah. "Man braucht viel Mut, um an Gott zu glauben." Wie könnte man anders sagen, wenn einen der Glaube nicht vor dem Leiden rettet? Persönliches und politisches Schicksal waren für Nadia Tuéni eins. In dieser repräsentativen Auswahl lernt man beides kennen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben