Zeitung Heute : Jenseits des Klischees von Liebe und Selbstfindung

Der Tagesspiegel

Schwule Literatur? Das sind Geschichten, in denen es nur so vor jungen Doktoranden wimmelt. In jedem zweiten Text kommt eine „Gaby“ vor, die verständnisvolle beste Freundin. Die Hauptrolle spielt der Sex in allen erdenklichen Formen: mal mit erhobenem Zeigefinger in seiner „Safer“-Variante, oft mit Unbekannten, mal in Partnerschaften. Außerdem fließt edler Rotwein in Strömen – schwul ist eben die feinere Lebensart. Mit dieser ironisch vorgetragenen Klischeesammlung fasste der Bremer Soziologe Rüdiger Lautmann die rund 160 Prosatexte zusammen, die er als einer der Juroren des Literaturpreises der schwulen Buchläden gelesen hatte. Am Sonnabend wurde die bundesweit ausgeschriebene Ehrung in der Kulturbrauerei zum fünften Mal verliehen.

In der Geschichte von Holger Siemann gibt es weder eine Gaby, noch einen Doktoranden, und Sex und Rotwein spielen höchstens Nebenrollen. Dafür hat der Berliner Autor mit seinem Prosadebüt „Fräulein Michael geht aus“ eine flotte Großstadtgeschichte um Liebe, Selbstfindung und einen Mord vorgelegt, die witzig, makaber und gut erzählt ist. Und die den Juroren der schwulen Buchläden am besten gefiel: Am Ende des von Matthias Frings charmant moderierten Abends verliehen sie Siemann ihren Literaturpreis. Neben 1000 Euro bedeutet das für den 39-Jährigen aus Prenzlauer Berg: Sein Text wird in Buchform veröffentlicht. Trostpreise gingen an Stefan Pokroppa aus Mainz und Stefan Freund aus Herten.

Anders als in den USA, England oder Frankreich haben es in Deutschland schwule Autoren immer noch sehr schwer, auch ein heterosexuelles Publikum jenseits der Szene zu erreichen, erklärte Matthias Frings die Motivation hinter dem Literaturpreis. „Die werden immer noch zu oft in das Kästchen ’schwul’ gesteckt.“ Der Preis soll junge Autoren unterstützen, sie herausfordern und ihnen vor allem bislang versagte öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen, sagte Frings.

Jeder der drei Nominierten las aus seinem Text, danach begründete je ein Juror, wieso er gerade diesen Autor favorisiert. Musikalische Auflockerung steuerte das Chanson–Duo Alex Goretzki und Martin Heim bei. Einziges Manko des Abends: In Ermangelung einer Heizung war es in der Alten Kantine der Kulturbrauerei bitterkalt.

Mit dem von Frings angesprochenen Schubladendenken hatte Preisträger Siemann bislang allerdings kaum ein Problem: Seit Jahren schreibt er erfolgreiche Hörspiele fürs Radio. Seit eineinhalb Jahren lebt er davon. Auch verfasst er Libretti für die Neuköllner Oper, übersetzt und bearbeitet Theatertexte, deren Publikum keinesfalls durch eine sexuelle Orientierung begrenzt ist. Wie beim Siegertext „Fräulein Michael“ ist Homosexualität bei Siemann nie das zentrale Thema. „Zwar sind in der Regel schwule Charaktere dabei, aber die haben meist die gleichen Probleme wie Heteros auch“, sagt der Autor mit den halblangen braunen Locken im Gespräch. Siemann, dessen Vorbilder Elfriede Jelinek und Arno Schmidt sind, sieht sich nicht in erster Linie als Vermittler einer schwulen Botschaft, als Teil der politischen Schwulenbewegung. Er will schlicht gute, unterhaltsame Literatur bieten. Und dazu gehört es eben, „schwule Figuren in möglichst großer Normalität zu beschreiben.“ Und wenn seine Hauptfigur Michael vom Vater verprügelt wird, weil er ein Kleid trägt – „dann nicht, weil er schwul ist, sondern weil es das Brautkleid der toten Mutter ist“. Lars von Törne

Broschüre mit den Texten der Endausscheidung des Literaturpreises für 3 Euro bei „Prinz Eisenherz“, Bleibtreustraße 52, Tel. 3139936, www.prinz-eisenherz.com . Holger Siemann im Internet: www.schreiberey.de

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