Zeitung Heute : Jenseits von Gott Quote - Flucht in den Dokumentarfilm

Mechthild Zschau

Ein altes Ehepaar tanzt Tango. Die Knie sind schon ein bisschen steif, der elegante Beinschwung will und will nicht so recht gelingen. Warum wollen die beiden Alten im finsteren Schweden unbedingt diesen Inbegriff des erotisch fordernden Tanzes aus dem sonnendurchfluteten Argentinien lernen? Noch einmal stoßen sie in neue Gefilde vor, drücken dabei die Gedanken an Alter und Sterben sanft zur Seite. Hinter den unbeholfenen Versuchen, sich dem Tango zu nähern, leuchtet eine andere Geschichte hervor: die einer großen, lebendig gebliebenen Liebe. "Schwedischer Tango" heißt dieser Dokumentarfilm von Jerzy Sladkowski. Eine Lovestory als Dokumentarfilm? Schon fliegen die Fetzen in der Grimme-Preis-Jury "Information und Kultur". Ist nicht alles inszeniert? Das sind doch gewitzt geschriebene Dialoge - und die Protagonisten Schauspieler? Nein, der Dokumentarfilm ist echt. Und überschreitet doch entschieden die Grenze des Genres. Er will nicht aufdecken, nicht anklagen, nicht erklären. Er zeigt ein kleines Stück Leben, und zwar mit den guten alten Mitteln der Poesie.

Nicht weniger poetisch, dafür aber mit klassisch-aufklärerischem Gestus leuchten Mischka Popp und Thomas Bergmann in die Welt der psychisch gestörten Menschen hinein. "Kopfleuchten" heißt ihr Film, der den Zuschauer verändert entlässt: voller Erstaunen über eine Welt der Wunder, die sich auftut, wenn nur ein winziges Areal des Gehirns nicht voll funktioniert. Glücklich der Zuschauer, der derlei wundersame Spiegel der Wirklichkeit findet: versteckt in der Nacht oder bei Arte, Phoenix und 3sat. Ein sowohl inhaltlicher wie formaler Reichtum tut sich da auf, der Staunen macht. Bitterscharfe Fahndungen nach der historischen Wahrheit des Gettos Litzmannstadt zum Beispiel in "Der Fotograf" von Dariusz Jablonski. Oder vergnügt-ironische Erinnerungen (Marcus Vetter) an den Flucht-Tunnelbau unter der Berliner Mauer hindurch, ein Realkrimi ohne Helden.

Auffallend oft sprengen diese Filme den üblich gewordenen bescheidenen Rahmen einer halben Stunde, kommen gar als runde 90-Minüter daher. Steckt die Dokfilm-Mode der Kinos langsam auch die Fernsehanstalten an? Schaffen sie ohne großes Tamtam neue Sendeplätze für ihre edelste journalistische Form? Die andere Seite dieser schimmernden Medaille glitzert bunt. Da sind die Mehrteiler. Sie dienen der Publikumsbindung und erfreuen die Produzenten, weil sie billig zu bewerkstelligen sind. Eine ganze Enzyklopädie der deutschen Pop-Musik in zwölf Teilen zum Beispiel, glänzend gemacht, inhaltsreich, schnell. Und da sind die Doku-Soaps, die vor allem Arte zur Kunstform erhoben hat für die Primetime in der Sehnsucht nach ein paar mehr Zuschauern: Menschelndes aus allen Ecken der Gesellschaft, nach dramatischen Gesichtspunkten konstruiert wie sonst nur Fiktives. Dokumentarfilm goes Entertainment, verliert dabei seine klassische Strenge und gewinnt im besten Fall den leise ironischen Blick auf den ganz und gar nicht glamourösen, aber auch nicht schrecklich öden Alltag. An die Stelle der Aufklärung tritt die Lebenshilfe: sieh her, diese dicken Mädels ("Abnehmen in Essen") tun sich auch schwer mit der Diätkost, sie sind nicht allein. Von Poesie über Aufklärung bis zur Unterhaltung - kein anderes Genre des Fernsehens hat so gleichbleibend hohes Niveau bewahrt. Grund: es bleibt weitgehend vom Quotendruck verschont. Dokumentarfilme sehen sowieso nur Connaisseurs.

Die Fiktion dagegen tut sich schwer. Das Fernsehspiel, einstmals der Stolz der Häuser, starrt paralysiert auf Gott Quote und verliert darüber jeglichen Mut und Erneuerungswunsch. Ja nichts Eckiges, nichts Experimentelles, nichts Hartes, das den Zuschauer verprellen könnte. Stattdessen Krimis, Krimis, Krimis. Dazwischen, kaum auffindbar, die eine oder andere nicht gerade ebenmäßige Perle. Im Kleinen Fernsehspiel des ZDF natürlich, das sich mittlerweile eines Sendeplatzes nach Mitternacht bedienen darf. "Dunckel" von Lars Kraume ist eine Debütarbeit, die noch etwas wagt: eine aufgerauhte Ästhetik, raffiniert verschachtelte Erzählweise, junge, furiose Schauspieler, Helden, die keine sind. Oder die Groteske "Ich Chef, Du Turnschuh" des türkischen Filmemachers Hussi Kutlucans, eine vergnügte Eulenspiegelei um Ausländer in Deutschland.

Mit Anti-Helden wartet auch Hartmut Schoen auf, der als Dokumentarfilmer schon etliche Preise einheimste. Sein Zweiteiler "Warten ist der Tod" bürstet die Krimiwelle sanft gegen den Strich. Seine Protagonisten sind gescheiterte Figuren voller kleiner Angst und großer Sprüche. Der Griff nach dem großen Geld ist mit Slapstick durchsetzt, präzise wird die Balance zwischen Tragik und Komik gehalten. Allein mit dieser Differenziertheit ragt der Film heraus. Wo sind die großen Themen geblieben, wo die ernsten Auseinandersetzungen, wo die originellen Geschichten, wo die Poesie, die übermütig gekonnte Komödie? Verschollen. Und das herausragendste Fernsehspiel des Jahres hatte niemand beim Grimme-Preis eingereicht: "Bella Block, Licht aus dem Dunkel", ein brisanter Film über Sterbehilfe.

Und was ist mit der Unterhaltung? Immerhin hier geht der einzige Grimme-Preis an einen Privatsender: RTL für "Ritas Welt", eine Sitkom aus dem Arbeitsleben. Schon schön, dass sie nicht mit Schadenfreude, Voyeurismus oder Menschenverachtung arbeitet. Ist doch was.

Die Jury "Fiktion und Unterhaltung" hatte viel zu leiden und wenig Wahl. Und so tat sie etwas bisher nie Dagewesenes: Sie gab einen Preis ab an die Kollegen von "Information und Kultur". Er kam dem heiß umstrittenen "Schwedischen Tango" zugute, dem zweifellos schönsten Film des Wettbewerbs.Die Autorin war Mitglied der Jury "Information und Kultur"

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