Zeitung Heute : Jenseits von Gut und Böse

Warum man als Kind lernen muss, zu vertrauen

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Herr Petermann, wie kommt das Vertrauen in die Welt? Es gibt da ja den Begriff des „Urvertrauens“.

Wenn ich das mal etwas spitz sagen darf: So etwas wie Urvertrauen gibt es nicht. Es wird schon seit 50, 60 Jahren diskutiert, aber in der Praxis, das ist meine feste Überzeugung, muss Vertrauen erworben werden. Anfangs zwischen Mutter und Kind, später im größeren sozialen Kontext. Vertrauen erwerben wir durch Erfahrungen.

Welche, und wie lange dauert das?

Die ersten zehn Jahre sind entscheidend. Menschen, die vertrauensselig sind, haben als Kind die Erfahrung gemacht, dass sie bei Fehlern nicht runtergeputzt wurden. Dass Versprechen zuverlässig eingehalten wurden. Übrigens auch bei negativen Konsequenzen, bei Strafen. Wer eine ankündigt, muss sie durchziehen.

Ist das nicht eher kontraproduktiv?

Willkür und Unzuverlässigkeit sind wirklich die schlimmsten Verletzungen für ein Kind. Vertrauen hat viel mit einem immer wieder bestätigten Schutzraum zu tun. Das gibt psychische Robustheit.

Aber warum soll man Vertrauen überhaupt lernen? Ist Selbstständigkeit, damit Unabhängigkeit von den so unwägbaren persönlichen Beziehungen, nicht wichtiger?

Vertrauen ist ein Grundprinzip des sozialen Handelns, das den Alltag sehr vereinfacht. Es reduziert die soziale Komplexität. Ich muss nicht mehr prüfen, ob das Gegenüber böse oder gut ist, ich lasse das einfach weg und gehe von der Annahme aus, er ist ein liebendes Wesen, das mir nix will. Was bräuchten wir für psychische Energie, wenn wir jedes Mal prüfen müssten, wer da vor uns steht!

Lebt ein Erwachsener anders, wenn er Vertrauen nie gelernt hat?

Er hat auf jeden Fall mehr Ängste, er muss viel komplexer mit anderen umgehen. Und wie könnte er jemals Entlastung durch andere Menschen erfahren, wenn er sich nicht öffnen will oder kann? Mit dieser Form von Zugeschnürtheit zu leben, da ist er doch ein armer Wicht.

Die Fragen stellte C.-F. Röhrs

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