Zeitung Heute : Jenseits von Hollywood

„Ich bin nur mäßig überwältigt“, sagt USA-Rückkehrer Daniel Brühl. Morgen läuft sein neuer Film auf der Berlinale

Annabel Wahba

Wenn man hoch in der Luft zwischen den Kontinenten schwebt, weiß man nie so genau, wie es einem nach der Landung ergehen wird. Man versucht, im Flugzeug zu schlafen, weil am Ziel Tag sein wird. Oder versucht, so lange wie möglich wach zu bleiben, weil nach der Landung Nacht sein wird und daheim das Bett wartet. Aber egal, wie man es macht, es klappt eigentlich nie. Als Daniel Brühl am Donnerstag über die Zeitzonen hinwegbraust, kann er seine Zukunft schon vor sich sehen. Auf dem kleinen Bordmonitor sitzt ein zerknautschter Bill Murray auf dem Bett und findet keinen Schlaf. Wie ein Traumwandler zieht er tagsüber durch Tokio, die Nächte verbringt er in der Hotelbar.

Einen Tag später sitzt Daniel Brühl in Berlin auf einem weißen Ledersofa, vor sich auf dem Boden ein Kuhfell und dahinter an der Wand kleine, goldene Berlinale-Bären. Unten vor dem Fenster liegt der Potsdamer Platz, wo Menschen mit Plastikkarten um den Hals von einer Pressekonferenz zur nächsten hetzen. Daniel Brühl ist gerade aus den USA zurückgekehrt, Sofia Coppolas neuen Film hat er im Flugzeug zum ersten Mal gesehen, „großartig“, sagt er. Dann reibt er sich die Augen, bis die Haut darunter rot ist. Seine Stimme klingt rau, er hat 24 Stunden nicht geschlafen. Jetzt driften seine Gedanken immer wieder weg, als wäre ein Teil von ihm noch über dem Atlantik. Lost in Translation.

Es ist so, als würde man Daniel Brühl beim Aufwachen zugucken. Oder beim Einschlafen – das weiß man nicht so genau. Manchmal vergisst er beim Reden die Frage, dann entschuldigt er sich, was wollten Sie noch mal wissen?, und fängt wieder von vorne an. Für ein Gespräch ist das eigentlich nicht so gut. Aber andererseits sind das sehr ehrliche Momente, und das ist schön bei einem, der süchtig ist danach zu spielen, in Rollen zu schlüpfen.

Die letzten vier Wochen, so stellt man sich das vor, muss er wie im Rausch durchlebt haben: Auf dem Sundance-Filmfestival in Utah hatte sein neuer Film Weltpremiere, dann reiste er mit den Machern von „Good Bye, Lenin“ zur Golden-Globe-Verleihung nach Hollywood, er traf Agenten, gab Interviews in Washington, in Miami und in New York. Für Daniel Brühl ging es um Kontakte in den USA – seiner Karriere könnte das vielleicht bald eine neue Dimension geben.

Aber der Schauspieler sagt: „Ich bin nur mäßig überwältigt.“ Natürlich sei es toll gewesen, die Globe-Verleihung erlebt zu haben, einmal mit Sharon Stone zu reden. Al Pacino ist er auf dem Klo begegnet, Clint Eastwood stand hinter ihm im Festsaal, Billy Bob Thornton hat ihn wie einen Kumpel geknufft und gesagt: „How are you?“ Häh?, gab Daniel Brühl zur Antwort. Thornton hatte ihn verwechselt. Noch kennen ihn in den USA nicht viele, „Good Bye, Lenin“ läuft erst Ende Februar dort an.

Einen Golden Globe hat der Film nicht bekommen, und für den Oscar wurde er auch nicht nominiert. Das mag daran liegen, dass vergangenes Jahr Caroline Link einen Oscar geholt hatte – zum ersten Mal seit 23 Jahren war mit „Nirgendwo in Afrika“ wieder ein deutscher Film gewürdigt worden. „Im Endeffekt war die Enttäuschung nicht so groß“, sagt Daniel Brühl – die Antwort kommt nicht ganz unerwartet. Er ist keiner, der sich klein macht, dahinter steckt eine Menge Stolz auf den deutschen Film. „Natürlich wäre ein Globe schön gewesen, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Wir sind ja schon so verwöhnt worden.“ Beim Europäischen Filmpreis bekam „Good Bye, Lenin“ sechs Auszeichnungen, Daniel Brühl wurde dort als bester Hauptdarsteller geehrt, der Film wurde in mehr als 60 Länder verkauft, zuletzt bekam er noch den „Goya“, den spanischen Filmpreis für den besten europäischen Film 2003. Wären wir mal lieber nach Madrid gefahren, sagt Daniel Brühl nach der Rückkehr aus den USA. Er sagt es im Scherz, aber dahinter steckt mehr: ein europäisches Selbstbewusstsein.

Seit zwei Jahren ist er jetzt schon der „Newcomer“, die Leute haben die Erwartung: Bei dem geht es jetzt richtig los. Schließlich spielt er häufig in Filmen über das Erwachsenwerden. Aber er will sich nicht unter Druck setzen lassen, weil alle glauben, er sei die große Hoffnung. Und das ist noch nicht mal alles: Seitdem er den Alexander gespielt hat, der seiner kranken Mutter ein Stück heile DDR vorspielt, ist er der Liebling der Mütter, der Töchter sowieso und nebenbei auch noch die Identifikationsfigur der Nachwende-Generation, eine Zeitung erklärte ihn gar zum Vorbild für die deutsche Jugend. „Ja“, sagt Daniel Brühl, „das alles bin ich!“

Vielleicht neigen die Deutschen einfach zu sehr dazu, ihre jungen Hoffnungen zu vereinnahmen. So viele, die auch international gefeiert werden, gibt es ja nicht. Aber ein 26-jähriger Schauspieler wie Brühl will wohl einfach noch ein paar Jahre Narrenfreiheit haben. Das, glaubt er, könne ihm das europäische Kino eher bieten als Hollywood. „Natürlich würde ich in den USA drehen, wenn ein gutes Angebot käme. Aber die Frage ist immer, wie viel Energie man darauf verwendet.“

Er hat zunächst einmal eine Agentin in Spanien, das Land kennt Daniel Brühl gut, weil seine Mutter Spanierin ist. Er ist in Barcelona geboren, und dort lebt auch einer seiner beiden Brüder. Als Kind hat Daniel einen Vorlesewettbewerb gewonnen, sein Onkel, der Hörspiele produziert, gab ihm erste Sprechrollen. Mit 16 wollte er dann Geld verdienen und möglichst wenig zur Schule gehen, da spielte er ein paar Monate bei „Verbotene Liebe“ mit. „Jeder hat so seine Leichen im Keller“, sagt er. Der Wendepunkt in seiner Karriere kam 2000 mit dem erfolgreichen Kinofilm „Schule“, im Jahr darauf spielte er den schizophrenen Lukas in „Das weiße Rauschen“ und bekam den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller.

Er mag es nicht besonders, wenn man ihn fragt, warum er in seinen Filmen so oft sensible junge Männer spielt. „Ich finde, das stimmt so nicht. Ich habe ja auch mal einen Boxer gespielt. Jeder hat natürlich ein bestimmtes Naturell, eine hundertprozentige Metamorphose gibt es nicht.“ Aber er sieht zu, dass die Schublade, in die er gesteckt wird, möglichst groß ist. Und ein besonders feinfühliger Typ, das sei er ja auch im wirklichen Leben nicht. Aber unaufmerksam, gar grob, wirkt er jedenfalls nicht. Wenn er raucht, fächelt er die Schwaden weg, damit sie dem Gegenüber nicht ins Gesicht wehen. Er ist einer, der beim Reden nachdenkt, abwägt, mag sein, sagt er irgendwann, dass sein Boxer in „Elefantenherz“ ein empfindsamer Boxer gewesen sei. „Bei ihm hat noch die Wut etwas Geistiges“, schrieb eine Kritikerin über ihn.

Wenn man dieser Tage durch die Stadt geht, begegnet man Daniel Brühls Gesicht überall. An Bushaltestellen, an Straßenecken. Blass, fast durchscheinend guckt er einen vom Werbeplakat für „Zitty“ an. Und als Daniel Brühl am Donnerstag aus dem Flughafen heraustrat, stand er sich plötzlich selbst gegenüber. „Vor ein paar Stunden warst du noch ein Nobody, dann siehst du das und weißt: Okay, I’m back.“

Es ist schwierig, an einem wie ihm, der überall präsent ist, noch etwas Unentdecktes zu finden. Die haselnussbraunen Augen, dieser Blick von unten, der grüne 80er-Jahre-Parka, den er auf so vielen Fotos trägt und mit dem er aussieht, als käme er gerade von der Demo gegen die Startbahn-West – man hat alles schon so oft gesehen. Aber genau das ist vermutlich auch das Überraschende, wenn man ihn trifft, es ist keine Pose. Um Brühl zu entdecken, muss man ins Kino gehen.

Am Dienstag hat ein neuer Film mit ihm Deutschland-Premiere: „Was nützt die Liebe in Gedanken“ nach der Regie von Achim von Borries. Brühl spielt zusammen mit August Diehl, dem anderen großen Talent unter den jungen deutschen Schauspielern. Sie sind die Schulfreunde Paul und Günther, die einen Selbstmörderclub gründen. „Liebe ist der einzige Grund, für den wir zu sterben bereit sind“, schreiben sie in die Statuten. Aus Liebe würden sie auch töten. Gemeinsam mit Freunden verbringen sie ein Wochenende im Sommerhaus der Eltern in Mahlow und feiern. Am Ende gibt es zwei Tote.

Diese Landpartie in Sepia-Tönen erzählt eine wahre Geschichte: Als „Steglitzer Schülertragödie“ stand sie 1927 in den Berliner Zeitungen. Wenn man im Film den Gymnasiasten aus der Weimarer Republik dabei zusieht, wie sie sich mit Absinth und Früchtebowle berauschen, dann scheint das Jungsein damals doch nicht so viel anders gewesen zu sein als heute. „Es gibt schon universelle Eigenschaften, die Jugendliche heute genauso haben wie damals: dieses Streben nach dem höchsten Punkt, die Melancholie und die Bedingungslosigkeit in allem, was sie tun. Das war bei mir nicht anders.“

Im Film trägt er Anzüge aus den 20er Jahren, mit Hosen, die nicht auf den Hüften, sondern in der Taille sitzen. „Die Männer in den 20er Jahren wirkten einfach cooler.“ Jetzt sieht Daniel Brühl wieder aus wie ein Zivi, in Jeans, Hemd mit verdrehtem Kragen und einer groben Stoffjacke mit Schulterklappen. „Auch wenn es gut aussieht: Ich würde mich ständig beobachtet fühlen, wenn ich jetzt mit Anzug und Pomade im Haar in den Supermarkt ginge. Da denkt doch jeder: Was ist denn mit dem jetzt los?“

Daniel Brühls Eltern sind gerade nach Berlin gekommen, sie wollen mit dem Sohn die Premiere erleben. Er ist froh, wieder in der Stadt zu sein. Obwohl er erst seit zwei Jahren hier wohnt und viele Monate unterwegs war, ist hier sein Zuhause. Das war vom ersten Tag an so. Im letzten Herbst hat er „Ladies in Lavender“ gedreht. Sogar London, sagt er, sei ihm auf eine gewisse Art behäbig vorgekommen. „Weil Berlin noch zusammenwächst, hat es nicht diese Gemütlichkeit wie andere Städte, die schon ewig ihren Status haben. Für mich ist das hier die beste Stadt.“ Er selbst wird das nicht gerne hören, aber Politiker, die sich eine neue Art von Patriotismus wünschen, hätten in ihm einen hervorragenden Botschafter.

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