Zeitung Heute : Jesus einwechseln

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Nachdem wir Deutschen jetzt den größten religiösen Titel geholt haben, der in dieser Welt zu vergeben ist, sollte es mit Gottes Hilfe möglich sein, im nächsten Jahr auch Fußball-Weltmeister zu werden. Vorausgesetzt, wir stärken uns rechtzeitig in jenem Glauben, der selbst Berge versetzen kann.

Fußballbegeistert war meine Tochter schon, bevor sie laufen konnte. Wann immer Emma im Fernsehen Spieler auf grünem Rasen sieht, skandiert sie mit erhobenen Fäusten „Deutsch-land, Deutsch-land!“ oder „I-ta-lia, I-ta-lia!“ – auch wenn nur Hannover gegen Freiburg auf dem Platz steht. Jetzt, da Joseph Ratzinger, unser Mann in Rom, als Ersatzmann Petri eingewechselt wurde, hielt ich die Zeit für gekommen, Emma auch mit seinem Manager, dem himmlischen Torhüter, vertraut zu machen. Darum beschloss ich, sie zum Sonntagsgottesdienst mit in die Kirche zu nehmen. Eine katholische Kirche kam allerdings nicht in Frage. Das ist eine persönliche Sache, und vielleicht bin ich da etwas nachtragend. Als Jugendlicher war ich mal in einer katholischen Messe, und als ich zum Abendmahl vor den Altar trat, verweigerte mir der Priester die Oblate. Irgendwie hatte er spitzgekriegt, dass ich nicht katholisch war. Möglicherweise hatte er den glühenden Eifer des Wiedertäufers in meinem Blick erkannt, das Nachflackern jenes Scheiterhaufens, auf dem die Heilige Inquisition meinen Urahn Hans Willer anno sechzehnhundertschlagmichtot auf dem Marktplatz zu Bern für sein protestantisches Ketzertum verbrennen lassen hatte.

Nichts für ungut, aber da ging ich mit Emma lieber in die evangelische Kirche um die Ecke. Als wir die Taborkirche in Kreuzberg betraten, hatte der Gottesdienst schon begonnen. Am Ende des Kirchenschiffs stand Pfarrer Stefan Matthias wie das Motiv eines Nazareners: weißes Gewand, schulterlanges Haar, Bart des Propheten. Emma aber war weniger von der Erscheinung des Pastors beeindruckt als von der Orgelmusik. Während Matthias über Jesu Seligpreisung der „geistlich Armen“ predigte, wurde sie ungeduldig, ging nach vorn und reichte ihm das Gesangbuch. „Danke schön“, sagte Matthias. Schade, dass so ein Mann nicht Papst werden kann.

Pfarrer Stefan Matthias predigt am morgigen Sonntag um 10 Uhr wieder in der Taborkirche, Taborstraße 17, in Kreuzberg.

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