Zeitung Heute : Jetzt doch ein ganz anderer als Polizeipräsident?

Der Tagesspiegel

Das Rennen um den Sessel des Berliner Polizeipräsidenten ist wieder offen. Dies geht aus Informationen des Tagesspiegel hervor. Dabei hatte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) seinen Wunschkandidaten für den seit Herbst des vergangenen Jahres freien Posten eigentlich noch in diesem Monat benennen und dem Abgeordnetenhaus zur Wahl vorschlagen wollen. Als Favorit galt dabei bislang Polizeivizepräsident Gerd Neubeck (50), der das Amt seit dem Ausscheiden von Polizeipräsident Hagen Saberschinsky im Oktober 2001 bereits kommissarisch leitet.

Doch völlig unerwartet ist nun alles wieder anders. Eine solche Entscheidung müsse „sehr sorgsam“ getroffen werden, sagt Körtings Sprecherin Henrike Morgenstern. Die Entscheidung werde wohl „innerhalb der nächsten Wochen“ fallen. Konkreter äußert sich offiziell derzeit niemand. Doch unter der Hand ist zu erfahren, dass weder Neubeck noch sein ursprünglich schärfster Konkurrent, der frühere Bonner Polizeipräsident und kurzzeitige Bremer Innenstaatssekretär, Michael Kniesel, für den Posten in Frage kämen.

Kniesel (56), der sich während seiner Bonner Amtszeit insbesondere durch seinen besonnenen Umgang mit Demonstrationen einen guten Namen gemacht hat, ist beiden Koalitionfraktionen des rot-roten Senates trotz seines SPD-Parteibuches nicht ganz geheuer. Er soll bei seiner Vorstellung „nicht überzeugt“ haben, heißt es.

Gegen Neubeck gibt es insbesondere in der Spitze der Sozialdemokraten starke Widerstände. Dem ehemaligen Oberstaatsanwalt aus Nürnberg scheint seine Herkunft aus dem CSU-regierten Bayern zum Verhängnis zu werden.

Neubeck war gestern überrascht von der neuen Entwicklung: „Ich kann dazu nichts sagen“, sagte er dem Tagesspiegel. „Wenn es so käme, wäre das keine erfreuliche Entwicklung.“ Viele trauen dem parteilosen Neubeck offenbar politisch nicht so recht über den Weg. Zwar werde seine bisherige Arbeit durchaus anerkannt, aber man wisse ja nicht, was komme, wenn Neubeck erst einmal gewählt sei, heißt es sibyllinisch.

Dabei hat Neubeck, der seit Mitte 2000 in Berlin ist, etwas geschafft, was seit etlichen Jahren keinem Polizeipräsidenten mehr gelungen ist. Er genießt die Anerkennung und das Vertrauen sowohl der Polizeiführung als auch der Gewerkschaften. Bis zu Saberschinskys Ausscheiden aus dem Amt bestand seine zentrale Aufgabe darin, die Berliner Verwaltungsreform in der Polizei umzusetzen und aus dem verknöcherten Apparat ein modernes Dienstleistungsunternehmen zu machen.

Bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) schätzt man Neubeck vor allem für seine Offenheit und sein Durchsetzungsvermögen. Seit er die Polizei kommissarisch leite, heisst es unisono bei GdP und BDK, mache sich in der Behörde „eine neue Offenheit“ bemerkbar. Zudem hat Neubeck die Unterstützung insbesondere jüngerer, als innovativ geltender Polizeiführer.

Auch diese ungewöhnliche Einigkeit in den Reihen der Polizei ist vielen in der Politik offenbar unheimlich. Da es sich bei der Besetzung des Amtes eines Polizeipräsidenten um eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen handele und es bei der Stellenausschreibung keine Ausschlussfrist gegeben habe, wolle man sich lieber ein bisschen mehr Zeit nehmen, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Zudem hätten sich viele potenziell in Frage kommende Kandidaten wohl gar nicht erst beworben, da sie offenbar von einer fiktiven Ausschreibung ausgegangen seien. Um welche Personen es sich dabei handeln könnte und ob einzelne davon bereits gezielt angesprochen wurden, war gestern nicht zu erfahren. Otto Diederichs

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