Zeitung Heute : Jetzt haben wir die Bescherung

Marcel Reif blickt täglich auf die Spiele voraus

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Und jetzt klingelt gleich das Glöckchen. Mutter hat es angeschlagen, wir dürfen endlich rein zur Bescherung. Es ist Weihnachten. Nein, es ist Weltmeisterschaft. Bei uns zu Hause. Also, bei aller gebotenen Objektivität und Nüchternheit, ich pfeife auf Objektivität und Nüchternheit, ich freue mich. Ich freue mich wie die Kinder vor der Bescherung. Und wer diese Freude nicht teilt, bitte schön, es soll auf den Fidschi-Inseln ein paar fußballfreie Zonen geben. Natürlich wird diese Weltmeisterschaft die Arbeitslosenzahlen nicht verändern, aber was, wenn gute Laune überschwappt, wollen wir uns dann wehren? Es wird ein Fest, und ich möchte mich sehr undeutsch darauf freuen.

Das Eröffnungsspiel. Das ist meistens hartes Brot. Da trifft ein Mitfavorit auf einen Kleinen. Der Kleine hat seinen denkbar größten Auftritt, der wird in tausend Jahren nicht noch einmal so einen Auftritt haben, der hat nur zu gewinnen. Ernsthaft kann Costa Rica nicht gewinnen, über Schwächen und Stärken Costa Ricas zu reden, ist müßig. Es hat nur eine Stärke: seine Unbekümmertheit. Die wird nicht reichen, um mitzuhelfen, dass das Eröffnungsspiel ein Feuerwerk wird. Vielleicht wird es in aller Unbedarftheit mitspielen wollen, das wird nicht gehen. Vielleicht wird Costa Rica sich mit neun, zehn Mann vor den Torwart stellen, aber auch das ist egal.

Fürs Feuerwerk haben wir zu sorgen, auch ohne Ballack. Ich sage extra „wir“, weil Patriotismus schon sein darf in diesen Wochen und Patriotismus kein Nationalismus ist. Sollten wir ein Feuerwerk erwarten? Nein, sollten wir nicht. Hoffen wir auf Disziplin in der Mannschaft, auf Ordnung und darauf, dass sie freundlicherweise drei Punkte einfährt gegen den Exoten. Und wenn danach ein Feuerwerk gezündet wird, so ist es eine schöne Dreingabe. Dann sind wir noch nicht Weltmeister. Aber wenigstens hat das Glöckchen geklingelt.

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