Zeitung Heute : Jetzt heißt es handeln

Ein dringlicher Aufruf von Sir David King, Oberster Wissenschaftlicher Berater der britischen Regierung

Sir David King

Seit Beginn der Industriellen Revolution in Europa Mitte des 18. Jahrhunderts hat sich unsere Lebensweise dank stetiger Innovation und neuer Technologien radikal verändert. Der Nutzen für uns war immens: Wohlstand und Komfort haben ein Niveau erreicht, von dem frühere Generationen nicht einmal geträumt hätten. Aber dieser Fortschritt speist sich aus fossilen Energieträgern und hat deshalb auch seinen Preis.

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre hat seither um mehr als 35 Prozent zugenommen. Seit mindestens 650 000 Jahren, möglicherweise aber auch seit 20 Millionen Jahren war sie nicht mehr so hoch. Das Erdklima hat sich im selben Zeitraum um durchschnittlich 0,7 Grad Celsius erwärmt, und dieser Temperaturanstieg hat hauptsächlich in den letzten 30 Jahren stattgefunden. Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Klimaaufzeichnungen fallen alle in die Zeit seit 1994. In vielen physikalischen und biologischen Erdsystemen sind weitere Indizien für die globale Erwärmung zu beobachten: schmelzende Eisschilde, steigende Meeresspiegel, schrumpfende Gletscher überall auf der Welt und Veränderungen im Verhalten von Pflanzen und Tieren.

Daran, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der globalen Erwärmung und dem vom Menschen verursachten steigenden Ausstoß von Treibhausgasen, insbesondere von Kohlendioxid besteht, kann inzwischen niemand mehr ernsthaft bezweifeln. Die ersten grundlegenden Erkenntnisse, die diesen Zusammenhang belegen, datieren schon aus dem 19. Jahrhundert. Durch zahlreiche neuere Forschungsarbeiten hat die Wissenschaft unser Verständnis von den Mechanismen, die hier am Werk sind, ein gutes Stück vorangebracht. Noch vor einem Jahr galt der Klimawandel bei manchen Leuten als strittige These, doch jetzt liegen neue Forschungsergebnisse vor, die unsere Wissenslücken füllen und auch die letzten Argumente der Zweifler widerlegen.

Mit dieser zunehmenden Gewissheit wächst aber auch die Erkenntnis, dass die Folgen der Klimaveränderung möglicherweise schon heute zu spüren sind. So gibt es einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation zufolge bereits rund 150 000 klimabedingte Todesfälle pro Jahr. Und es steht zu befürchten, dass das, was wir bisher in dieser Hinsicht erlebt haben, nur ein kleiner Vorgeschmack auf die gravierenden Klimafolgen war, die zu erwarten sind, wenn wir nicht schleunigst drastische Maßnahmen ergreifen, um die Abhängigkeit unserer Volkswirtschaften von den fossilen Energieträgern zu beenden. Ohne ein radikales Gegensteuern, so die weitgehend übereinstimmende Einschätzung, wird die globale Erwärmung weiter fortschreiten. Bis zum Jahr 2100 ist dann mit einem Temperaturanstieg in einer Größenordnung von 1,4 bis 5,8 Grad Celsius gegenüber 1990 zu rechnen. Und das hätte überall auf der Erde tief greifende Auswirkungen auf unsere Gesellschaften und auf das Leben der Menschen.

Bei steigenden globalen Temperaturen müssen wir uns auf eine Zunahme von Wetterextremen gefasst machen. Die Erfahrungen der letzten Jahre in Europa – die schweren Überflutungen 2002 und die Hitzewelle 2003 – haben gezeigt, welche humanen und wirtschaftlichen Kosten Extremwetterereignisse verursachen können. Ab 2040, so die Prognose der Klimaforscher, werden heiße Sommer wie der von 2003 den Wärmedurchschnitt bilden.

Der Temperaturanstieg wiederum wirkt sich weltweit auf das Klima aus, wobei regionale Faktoren großen Einfluss haben. So wird es zum Beispiel vermehrt zu Starkregenereignissen kommen, zu mehr Dürren und Überflutungen und zu häufigeren und stärkeren tropischen Wirbelstürmen. Am härtesten werden die Folgen der Erderwärmung die ärmsten Länder treffen, die am verletzlichsten und gleichzeitig auch am wenigsten in der Lage sind, Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen. In den Entwicklungsländern wird die Klimaveränderung die Armut noch verstärken – durch den Verlust von Arten, Ertragseinbußen in der Landwirtschaft und steigende Meeresspiegel, was sich in fast allen Bereichen der Gesellschaft nachteilig auf Gesundheit und Wohlergehen auswirken wird. Es bedarf keiner besonders regen Fantasie sich vorstellen, welche Folgen dies auch weit über die betroffenen Regionen hinaus haben könnte.

Die gute Nachricht ist, dass wir jetzt verstehen, was da vor sich geht und warum es geschieht. Allerdings ist dies das größte Problem, mit dem unsere Zivilisation je konfrontiert war. Zu seiner Bewältigung ist eine kollektive, globale Reaktion erforderlich. Es stellt eine massive Herausforderung an uns alle dar – die Bevölkerung ebenso wie die Wirtschaft und die Politik. Und je früher wir handeln, desto mehr Optionen stehen uns offen, desto geringer sind die Risiken und Kosten, und desto größer die Erfolgschancen. Wenn wir noch 20 Jahre warten, könnte die erforderliche Emissionsminderung schon drei bis neun Mal so groß sein, als wenn wir jetzt gleich etwas unternehmen.

Wir wissen auch, was wir tun müssen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Es sind bereits einige politische Instrumente dafür geschaffen worden, wie zum Beispiel der Emissionshandel, aber wir werden Tempo und Umfang der Maßnahmen gewaltig steigern müssen. Viele der erforderlichen Technologien sind ebenfalls schon vorhanden oder in Entwicklung, und es besteht großes Potenzial für weitere Innovationen. Und, was ganz wichtig ist, wir wissen jetzt auch, dass wir dem Klimawandel begegnen können, ohne dadurch unser Wirtschaftswachstum zu gefährden. So hat zum Beispiel die britische Wirtschaft zwischen 1990 und 2002 um 36 Prozent zugelegt, während ihr Treibhausgasausstoß um rund 15 Prozent zurückging.

Die britische Regierung hat sich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen Großbritanniens bis 2050 um 60 Prozent zu verringern und dabei gleichzeitig auf wettbewerbsfähige Energiepreise und eine gesicherte Versorgung zu achten. Mit dem Energy Review hat Großbritannien seine Energiepolitik dieses Jahr erneut auf den Prüfstand gestellt und Optionen für zusätzliche Maßnahmen zur Erreichung der Ziele aufgezeigt. Großbritanniens Klimaschutzprogramm, das Prioritäten für den Klimaschutz setzt und breit angelegte Maßnahmen in Großbritannien und auf internationaler Ebene vorsieht, ist ebenfalls vor kurzem überarbeitet und verbessert worden.

In diesem Zusammenhang ist auch die Studie zur Ökonomie des Klimawandels zu erwähnen, die derzeit unter der Leitung von Sir Nick Stern in Großbritannien durchgeführt wird. Die Ergebnisse dieser umfassenden Untersuchung der wirtschaftlichen Herausforderungen des Klimawandels und der Möglichkeiten, sie auf nationaler wie auch auf globaler Ebene zu meistern, sollen im Herbst dieses Jahres publiziert werden.

Die Regierungen spielen bei der Lösung dieser Probleme eine bedeutende Rolle, weil sie die Rahmenbedingungen festlegen, innerhalb derer die Bürger ebenso wie die Unternehmen ihre Entscheidungen treffen. Von den Politikern wird deshalb zu Recht erwartet, dass sie die Führung übernehmen. Aber auch die Anderen müssen das ihre dazu tun. Jeder einzelne ist im Prinzip Teil des Problems und jeder kann und muss auch Teil der Lösung sein.

Wir müssen neue, innovative Wege beschreiten, um den Herausforderungen zu begegnen und die sich bietenden Chancen zu nutzen. Wir müssen zum Beispiel intelligenter produzieren und konsumieren, neue, nachhaltigere Wege zu mehr Wachstum und stärkerer Wirtschaftstätigkeit auftun und den Übergang zur CO2-Neutralität beschleunigen. Wir brauchen neue, alternative Energiequellen, einen besseren Umgang mit den natürlichen Ressourcen, effizientere Formen des Transports von Menschen und Gütern, und eine integrativere globale Gesellschaft.

Der Wirtschaft kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Die Unternehmen müssen sich Gedanken darüber machen, wie sie den Übergang zu der CO2-armen Wirtschaft bewerkstelligen wollen, die wir zwingend erreichen müssen. Wer sich daran beteiligt, die neuen Märkte zu gestalten, die im Zuge dieses Umbaus entstehen, kann viel gewinnen. Führungskräfte mit Weitblick, Investoren und umweltbewusste Kunden übernehmen schon heute eine Führungsrolle. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden sich voraussichtlich für alle Unternehmen bald drastisch verändern. Aber damit ergeben sich auch enorme Möglichkeiten zur Verbesserung der bisherigen Firmenpraxis und der Konkurrenzfähigkeit, zum Beispiel durch Steigerung der Energieeffizienz. Neue Produkte und Dienstleistungen, von CO2-armen Technologien bis hin zu neuen Versicherungsprodukten, aber auch neue Exportmärkte bieten hervorragende neue Geschäftsmöglichkeiten.

Um jedoch zu gewährleisten, dass die Unternehmen das Beste aus den Möglichkeiten machen können, die sich mit der Bekämpfung des Klimawandels auftun, und um effektive und wirksame Politiken zu entwickeln, ist es von größter Bedeutung, dass Wirtschaftsführer und Regierung in einen Dialog treten. In dieser Hinsicht hat mich in Großbritannien die Corporate Leaders Group on Climate Change, eine Gruppe von Führungskräften großer britischer und internationaler Unternehmen, mit ihrer herausragenden Arbeit beeindruckt. Die Manager in dieser Gruppe sind davon überzeugt, dass eine mutige Führung in der nationalen Klimaschutzpolitik das Potenzial hat, auch der Wirtschaft beträchtlichen Nutzen zu bringen. Gleichzeitig erkennen sie aber auch die Zwickmühle, in der sich die Regierung befindet: Sie fühlt sich in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt, neue Klimaschutzmaßnahmen einzuführen, weil sie den Widerstand der Wirtschaft fürchtet, und die Unternehmen wiederum sehen sich nicht in der Lage, in größerem Umfang in CO2-arme Technologien zu investieren, solange es keinen adäquaten langfristigen politischen Rahmen gibt. Aus diesen Gründen arbeitet die Corporate Leaders Group partnerschaftlich mit der britischen Regierung zusammen, um bei der Senkung der Treibhausgasemissionen sowohl im Inland als auch international voranzukommen.

Natürlich ist es nicht nur an der Regierung und der Wirtschaft zu handeln – jeder Einzelne von uns kann einen spürbaren Beitrag leisten. Unsere Häuser besser zu isolieren, öfter die Lampen auszuschalten, Wege zu Fuß oder per Fahrrad zurückzulegen, statt uns ins Auto zu setzen – das sind nur einige Beispiele für die vielfältigen Möglichkeiten, mit ganz einfachen Mitteln etwas zu erreichen, und zwar ohne Einbußen bei unserem Lebensstandard. Außerdem senden wir als Verbraucher mit unseren Kaufentscheidungen wichtige Signale an die Wirtschaft.

Ich persönlich bin überzeugt, dass der Klimawandel die größte globale Herausforderung darstellt, mit der wir konfrontiert sind. Sein ungebremstes Fortschreiten könnte katastrophale Folgen haben. Wenn wir es jetzt – und in den nächsten paar Jahrzehnten – nicht schaffen, die nötigen Schritte zu tun, um ihn einzudämmen, dann wird sich das auf Hunderte von Jahren in die Zukunft hinein auswirken. Wir haben es mit einem schwerwiegenden Problem zu tun, und es wird nicht leicht sein es zu lösen. Aber mit Engagement und technischer Innovation kann es gelingen.

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