Zeitung Heute : Jetzt ist es raus

Tagelang Trommelwirbel: Gerhard Schröder ist zurück im Berliner Licht. Und stellt endlich sein Buch vor

Tissy Bruns

Leichtfüßig sei er ins Amt gesprungen, sagt sein Laudator, und als ein anderer herausgegangen, viel ernster, viel besorgter um die Menschen und die Zukunft. Jean-Claude Juncker, luxemburgischer Premier, der Europäer schlechthin, lange eng mit Helmut Kohl verbunden, stellt im Berliner Willy-Brandt-Haus Gerhard Schröders Buch vor. Ein Ritterschlag für den Mann, der vor einem Jahr abtreten musste: „Du warst ein großer Kanzler.“

Dann steht Gerhard Schröder am Pult, neben der Skulptur des legendären Vorgängers, im Rücken das eigene Konterfei auf dem vergrößerten Buchtitel. Das Gesicht ist von strenger Bleiche, die an diesem Tag nicht staatsmännische Anstrengung verursacht hat, sondern die Superinszenierung um sein Buch.

Schröder braucht keine zehn Minuten, um zu zeigen, dass der ernste Bundeskanzler den leichtfüßigen Gerhard nicht ausgelöscht hat. „Was kann ich weiter für Sie tun?“, fragt er in den Saal, die Arme weit ausgebreitet, um gleich mit dem ersten Freundfeind von den Medien zu plänkeln wie gehabt. Der Kollege möchte wissen, ob Frau Merkel nun genug gelernt habe als Kanzlerin, wofür es doch, wie Schröder eben gesagt habe, keinen Lehrberuf gebe, sondern nur das Lernen im Amt. Schröders Mundwinkel zuckt, dann grinst er breit. Seine ganze Miene sagt: Ich kenn euch doch …

Zur Frage lässt er wissen, dass er dazu nichts zu sagen habe. Als hätte nicht sein Wort von Merkels Führungsschwäche den paukenhaften Auftakt der Kampagne um sein Buch ausgemacht.

Sie sind beide ins Berliner Rampenlicht zurückgekommen, der Gerhard und der ehemalige Bundeskanzler, weil es den einen ohne den anderen eben nicht gibt. Der „große Kanzler“ findet sich zwischen den Buchdeckeln, in den „Entscheidungen – mein Leben in der Politik“. Junckers Vortrag weckt daran wieder ein Interesse, das bei den professionellen Beobachtern bereits im Schröder-Overkill unterzugehen drohte. Denn der spielt in dieser Woche keineswegs nur im ernsten Fach; er ist auch das Zirkuspferd, das beim Fanfarenklang nicht anders kann als zu tänzeln, sich zu drehen und in die Manege zu stürmen.

Dieser Gerhard Schröder lässt nichts aus, und er hat Glück. Er muss gar nicht viel sagen zu Merkel und zur Gesundheitsreform. Er kann der Wirklichkeit den Nachweis überlassen, dass „die“, die ihn sieben Jahre für Chaos, Nachbessern, Beliebigkeit vorgeführt haben, das Regierungshandwerk nicht besser beherrschen. Im Gegenteil, sagt die Wirklichkeit. Reizvoll auch, dass beim Auftakt die „Bild am Sonntag“ dem „Spiegel“ ins Gehege kommt, weil beide auf den ersten Platz beim Schröder-Interview so scharf sind, wie sie den Bundeskanzler zuletzt bekämpft haben. Am Mittwoch stürzt sich Schröder unverdrossen mit „Bild“-Chef Kai Diekmann ins Getümmel.

Diekmann macht eine kleine Führung in der Axel-Springer-Passage, denn „Bild“ hat seine Leser aufgefordert, den Kanzler zu porträtieren. Da hängen nun die Bilder, von denen nicht nur eines den Gedanken aufkommen lässt, dass es auch ein hartes Schicksal sein kann, wenn man von jedem gemalt werden darf. Schröder, umzingelt von Kameras, dreht die Runde, nimmt schließlich ein Bild ab und hört sie wieder, die Rufe der Fotografen: „Hierher bitte, Herr Schröder, einmal nach links.“

Am Dienstag und Mittwoch werden am Pariser Platz drei je einstündige Gespräche mit Ulrich Wickert für den Fernsehsender Phoenix aufgezeichnet. Schröder ist bester Laune, ein kurzes Vorgespräch mit Wickert auf dem lila Sofa, entspannte, konzentrierte Plauderei für die Kamera, Autogramme für die jungen Leute, für Techniker und Betreuerinnen. Noch rasch ein paar Antworten für zehn Jahre Phoenix und 60 Jahre Spiegel. Gespräche mit Nachrichtensendern und -agenturen. „Christiansen“ und Co. folgen in den nächsten Wochen.

Schließlich die eigenen Leute. Am Vorabend der Buchvorstellung sind im einstigen E-Werk in der Wilhelmstraße massiert Spitzen- und Basissozialdemokraten anzutreffen. Und überhaupt: der übliche Berliner Betrieb. Uwe-Karsten Heye, Chefredakteur der SPD-Parteizeitung „Vorwärts“, vormals Schröders Sprecher, jetzt sein Buch-Mitschreiber, hat zur „130-Jahre-Vorwärts“-Feier eingeladen.

Wie ehedem teilt sich die Menge, wenn der von einer Menschentraube begleitete Schröder erscheint. Tags darauf, als SPD-Generalsekretär Hubertus Heil die Buchvorstellung eröffnet und „Willkommen zu Hause“ ruft, da klatschen die Mitarbeiter der SPD-Zentrale. Und am frühen Abend, vor einer Signierstunde im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann, stehen die auf Schröder wartenden Menschen Schlange. 40 Meter ist sie lang.

„Das Buch ist nicht nur freundlich zur SPD“, sagt Jean-Claude Juncker. „Du sollst dich nie vor einem anderen Menschen bücken“ – das Wort des Gewerkschaftsführers Willi Bleicher, das Schröder zitiert, versteht Juncker als den „Spruch eines Arbeiterführers, der über Schröders Leben steht“. In stärkster Erinnerung bleibe Schröder ihm aus den Situationen, „wo er, und er allein, gefordert war.“ In „fast bedrückender Erinnerung“ seien ihm die Gespräche über die Kosovo-Entscheidung: „ein Ringen mit sich selbst“.

Das Buch sei das Buch „eines beschreibenden Selbstbetrachters“, es erzähle auch von Fehleinschätzungen. Auch deshalb, sagt Juncker, sei es gut, dass es schnell geschrieben sei. Die viel diskutiertere Frage, ob Schröder mit seinen Erinnerungen nach nur einem Jahr nur einen Schnellschuss vorgelegt hat, beantwortet Juncker schlicht: „Er sagt, dass er sich die Deutungshoheit sichern will.“ Und das sei „in hervorragender Weise gelungen“.

Der Entschluss, in diesem Herbst mit einem Buch über die politischen Jahre aufzutreten, stand schon unmittelbar nach dem Auszug aus dem Kanzleramt fest. Schröder wäre nicht der Kanzler geworden, den Juncker lobt, wenn er Muster für das Abfassen von Autobiografien akzeptierte, die andere vorgemacht haben. Muster und Regeln standen ihm nicht zur Verfügung, als es um Krieg und Frieden oder die Reform des Sozialstaats ging. Ob Schröder die Deutungsmacht über seine Kanzlerjahre mit diesem Buch gewonnen hat, darüber werden allerdings weder er noch Juncker das letzte Wort haben, sondern: die Zeit.

Warum so früh? Gerhard Schröder feiert im Herbst 2006, dem Ende seiner regulären Amtszeit, den Abgang, der vor einem Jahr schmerzte. Auf Wickerts Frage, ob er mit dem rabiaten Fernsehauftritt am Abend der Bundestagswahl nicht Merkels Kanzlerschaft gesichert habe, antwortet er knapp: „Wenn das so ist, dann soll sie mir dankbar sein.“

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