Zeitung Heute : Jetzt könnte es losgehen

Barbara Bierach

„Die Tomaten werden billiger, die Mädchen williger, es stinkt von den Aborten – Frühling aller Orten!“ Dieser Reim stammt aus Schwaben, von daher ist sein etwas kruder Charme verzeihlich. Recht hat der Knüttelvers allerdings mit der Beobachtung, dass im März die seltsamsten Dinge passieren. Cäsar wurde ermordet, beispielsweise, und Napoleon kam von seiner Verbannung aus Elba zurück, um die Herrschaft der 100 Tage anzutreten. Texas wurde von den USA annektiert (unter Bush ist es irgendwie andersrum), Gouverneur Wilhelm Heinrich Solf hisste die deutsche Flagge in der Kolonie Samoa, die Türkei führte den Gregorianischen Kalender ein und verließ dafür die islamische Zeitrechnung und in der Schweiz wird der Sarg des Komikers Charles Chaplin vom Friedhof in Corsier-sur-Vevey gestohlen.

Wie gesagt, in der Frühlingsluft passieren die seltsamsten Dinge! Es könnte also sein, dass auch dieses Jahr im März etwas Bemerkenswertes passiert. So könnten zum Beispiel die in diesem Monat veröffentlichten Arbeitslosenzahlen endlich mal Grund zur Freude sein. Der Aufwärtstrend in den neuen Bundesländern, den das Institut für Wirtschaftsforschung Halle erkannt haben will, könnte sich fortsetzen. Für den Rest des Landes ist sogar der gebeutelte Hauptverband der Deutschen Bauindustrie optimistisch: Schon dieses Jahr könnte die Branche wieder wachsen. Die gesamte Industrie könnte sich auf Expansion einrichten – zumindest schätzen die Unternehmen derzeit ihre Auftragsbestände besser ein als in den vergangenen fünf Jahren. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD rechnet mit einem Wachstum von 1,8 Prozent.

Die Bundesregierung könnte sich einen Ruck geben und den geplanten Bürokratieabbau angehen. Täte sie das so entschlossen wie zuvor unsere niederländischen Nachbarn, könnten bis zum Ende der Legislaturperiode 600 000 Arbeitsplätze entstehen (behauptet zumindest das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft). Die Unternehmen könnten sich einen Ruck geben und lange gedeckelte Investitionsvorhaben in Angriff nehmen und unbesetzte Stellen endlich besetzen. Und die Bürger – auch im notorisch muffeligen Berlin – könnten ihre schlechte Laune fahren lassen, sich an den ersten Sonnenstrahlen freuen und die Ärmel hochkrempeln. Wer einen Job hat, könnte da mal so richtig reinhauen, wer sich selbstständig machen will, endlich den Mut und die Moneten zusammenkratzen, wer schwarz arbeitet, ein Gewerbe anmelden und wer keinen Job hat, eine neue Bewerbungsrunde starten.

„Könnte“ ist offenbar das Wort der Stunde. Wenn alle auf die derzeit positiven Signale reagierten und selber auch mal täten, was sie könnten, anstatt nur immer mit dem Finger auf die andern zu zeigen, würde es irgendwann schon bergauf gehen und mit den Arbeitslosenzahlen bergab. Der März ist dafür ein wunderbarer Monat – oder zumindest so gut wie jeder andere.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben