Zeitung Heute : Jetzt liebt er eine Blondine

Von Tanja Stelzer

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Noah geht seit ein paar Tagen in die Kita. Eingewöhnungszeit. Mir ist aufgefallen, dass Eltern mit KitaKindern das Wort „Eingewöhnung“ für gewöhnlich mit einem dramatischen Unterton aussprechen. Es ist vorgekommen, dass wir eine befreundete Mutter oder einen Vater gefragt haben, ob sie an diesem oder jenem Tag Zeit haben, und zur Antwort sagten sie nur unheilvoll: „Eingewöhnung“. Keine Verabredungen in dieser heiklen Phase.

Freunde erzählten uns, wie sie sich in der Eingewöhnungsphase in einem Aufenthaltsraum mit klopfendem Herzen hinter einer Zeitung versteckten, um bei einem Anfall von Trennungsschmerz sofort zur Stelle zu sein. Andere berichteten erleichtert, nach ein paar Monaten Eingewöhnung bleibe das Kind nun, endlich, zwei Stunden am Tag in der Kita. Eine Bekannte bereitete uns darauf vor, Noah werde in den ersten Wochen nachmittags aggressiv und unausgeglichen sein, wir müssten dann sehr viel Geduld mit ihm haben. Ich gebe zu, dass wir ein bisschen Angst vor der Eingewöhnung hatten.

Noah ist anders als die Kinder unserer Freunde. Den ersten dramatischen Anfall von Trennungsschmerz hatte er, als er nach der Kita-Premiere wieder nach Hause sollte. „Hier bleiben!“, forderte er. Am zweiten Tag, als ich ihm erklärte, dass ich ihn jetzt mit den anderen Kindern allein lassen würde, murmelte er bloß „Mama Arbeit“. Er guckte noch nicht mal hoch. Ich war ein wenig beleidigt und begann zu begreifen, dass eine schwierige Eingewöhnungszeit auch eine Liebeserklärung an die Eltern ist. Mein Sohn dagegen war nicht in mich verliebt, sondern in „Min“, wie er sie nennt: Jasmin, eine anderthalbjährige Blondine, deren Namen er nun beim Einschlafen und beim Aufwachen auf den Lippen hat. Morgens, noch vor dem Frühstück, packt er seinen Lieblingsbagger in den Rucksack, sagt „andere Kinder spielen!“ und stellt sich an die Tür.

Nicht mehr gebraucht zu werden, ist die eine Sache, überhaupt nicht mehr zu existieren die andere. Meine Freundin F. hatte mich gewarnt. Ihre Tochter ist seit einem Jahr in der Kita, und seitdem hat F. keinen Namen mehr, jedenfalls nicht in der Eltern-Community, die überhaupt nur aus namenlosen Wesen zu bestehen scheint: F. und die anderen sind nur noch „die Mutter von…“ oder „der Vater von…“ Ich habe festgestellt, dass auch ich mich in der Kita automatisch mit den Worten vorstelle: „Ich bin die Mutter von Noah.“

Elternsein bedeutet Identitätsverlust. Das hatte ich schon geahnt, als meine Schwägerin nach der Geburt ihres Sohnes auf Parfüm verzichtete. Statt für schwere Düfte begeisterte sie sich auf einmal für den Geruch von Neugeborenen. Ihr Sohn ist jetzt vier, und noch immer rümpft sie die Nase, wenn sie an ihrem alten Lieblings-Parfüm riecht.

Jetzt weiß ich: Auch ich bin nicht mehr ich selbst, schlimmer: Ich bin ein Niemand. Wer könnte in dieser schmerzlichen Zeit der Erkenntnis mehr Verständnis für mich haben als der Mensch, dessen Identität ich vermutlich selbst einmal ausgelöscht habe? Ich rief meine Mutter an. Sie hob ab und sagte: „Ach, du bist es.“ Ich fand, es klang eine Spur desinteressiert. Dann kam Leben in ihre Stimme. Sie fragte: „Wie geht es Noah?“

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