Zeitung Heute : „Jetzt mit Verboten zu arbeiten, ist ein bisschen lächerlich“

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Als erster Staatsgast hat der israelische Außenminister Silvan Schalom das HolocaustMahnmal besucht. Wie wirkt das auf jüdische Besucher, wenn Kinder auf den Stelen herumspringen, Frau Kugelmann?

Ich will da nicht den moralischen Zeigefinger erheben. Ich würde sagen: Dem Anlass gegenüber, dem millionenfachen Mord an Europas Juden, ist Tanzen und Spielen auf den Stelen unangemessen. Aber das Mahnmal lädt in seiner Gestaltung zu einem solchen Verhalten geradezu ein.

Was meinen Sie damit?

Bei einem Mahnmal, das so offen angelegt ist, ist das gar nicht zu vermeiden. Hingegen kommt so ein Verhalten zum Beispiel bei der Neuen Wache mit dem Mutter-und-Sohn-Denkmal von Käthe Kollwitz nicht vor. Denn dieses hat mit seiner Halle ein Ambiente, in dem niemand auf die Idee kommen würde, auf die Statue zu klettern. Das bedeutet: Der Kontext und die topografische Verortung, in denen ein Denk- oder Mahnmal steht, entscheiden darüber, wie man sich dort verhält. Wenn dieser Kontext fehlt, nützen Ver- und Gebotsschilder nicht viel.

Ist die Idee vom Jüdischen Museum in Berlin als einer „begehbaren Skulptur“ insofern nicht etwas Vergleichbares?

Nein. Überhaupt nicht. Das Museum von Daniel Libeskind ist als Museum geplant und gebaut worden – nicht als Denkmal. Dass Libeskind sehr ungewöhnliche Räume geschaffen hat, die bei dem Versuch, sie zu beschreiben, auch als architektonische Skulptur gewertet werden, ist das eine. Das andere ist: Libeskind hat dem Bau eine Metaphorik der Judenverfolgung und -vernichtung eingeschrieben, die am deutlichsten im Holocaust-Turm zum Ausdruck kommt und die so Ehrfurcht gebietend ist wie vielleicht der Besuch einer Kirche oder Kathedrale, wo niemand auf die Idee käme, sich wie auf einem Schulhof zu benehmen.

Ist das Mahnmal also von vornherein falsch konzipiert?

Das Eisenman-Mahnmal, das als ästhetische Erfahrung sehr, sehr eindrucksvoll ist, wollte vor allem von Anfang an Offenheit. Dann aber mit Verboten und Verhaltensregeln zu arbeiten, ist widersprüchlich, ein bisschen lächerlich und läuft auch ins Leere. Das lässt sich nicht mehr kontrollieren. Dieser Widerspruch wird jetzt über die Aneignung und Nutzung dieses Mahnmals durch die Schüler und Jugendlichen offen gelegt. Das ist das ganze Dilemma.

Sie hätten ein anderes Konzept für das Mahnmal vorgezogen?

Dass ein solches Mahnmal errichtet wurde, sehe ich mit sehr viel Respekt: Das hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben, dass eine Gesellschaft bereit ist, ein Mahnmal zu bauen, das an die kriminellen Taten der eigenen Vorgeneration erinnert. Auf der anderen Seite finde ich die Metapher nicht passend. Ich sehe in dem Stelenfeld auch einen symbolischen Friedhof – es kommt mir so vor, als hätten die Nachkommen der Mörder jetzt den Ermordeten einen Friedhof gebaut. Ich finde, da die Bundesrepublik sich ein solches Mahnmal gibt, sollte es bei aller Schwierigkeit an die Tat und die Täter erinnern. Dass es ein Mahnmal geworden ist, das wie aus einer jüdischen Perspektive an einen Friedhof erinnert, obwohl es doch ein Anliegen der nichtjüdischen Deutschen zum Ausdruck bringt – da sehe ich einen Widerspruch.

Cilly Kugelmann ist Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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