Zeitung Heute : Jetzt reiß dich mal zusammen!

Von Esther Kogelboom

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Neulich bin ich vor dem Schaufenster eines Bestattungsunternehmens stehen geblieben. Ausgestellt war dort ein Sarg, Typ Eiche rustikal. Daneben warb ein Pappschild für eine Sterbegeldversicherung. Darauf stand: „Denken Sie schon heute an das Undenkbare.“ Interessant! Das Problem ist nur: Wenn mir jemand mitteilt, dass irgendetwas partout undenkbar ist, läuft dieses Irgendetwas sofort wie eine Vorabendserie in meinem geistigen Programmkino ab. Und ich rede jetzt nicht von „Forsthaus Falkenau“.

Meine Beerdigung ist für mich nämlich nicht undenkbar, ganz und gar nicht. Immer dann, wenn ich Sorgen habe, stelle ich mir vor, wie Personen, die mir nahe sind, gefrorene Erdklumpen auf einen Sarg, Typ Eiche rustikal, werfen. In dem Sarg liege ich, beziehungsweise meine bildschöne, blasse, in ein Schiesser-Männerunterhemd gewickelte, nach Eternity-Körperlotion duftende Leiche. Meistens geht es mir dann besser. Unter der Erde, wo pelzige Maulwürfe und flinke Würmer wohnen, ist es wahrscheinlich gar nicht so schlimm, wie alle glauben. Schlimmer wäre es zum Beispiel, wieder 18 Jahre alt zu sein, in Mathematik geprüft zu werden oder in einem Land namens Winter zu leben, für immer.

Meine Freundin tippte sich an die Stirn, als ich ihr in einer kleinen Bar an der Kastanienallee von meinen Nahtoderlebnissen erzählte. „Du bist ein voll weinerlich-morbider Typ“, sagte sie und schnäuzte sich in ein umhäkeltes Stofftaschentuch mit dem Monogramm JT. „Jetzt reiß dich endlich mal zusammen!“

Das letzte Mal habe ich mich zusammengerissen, als ich keinen Flug nach Rio de Janeiro gebucht habe. Ich kann nur sagen: Gott sei Dank konnte ich mich beherrschen. Sonst säße ich jetzt an einem feinsandigen Strand, würde ein in Wodka eingelegtes Stück Melone essen. Wirklich, das wäre eine echte Katastrophe.

Ehrlich gesagt finde ich nichts weniger erstrebenswert, als mich disziplinieren zu müssen. Vielleicht kommt das daher: Leute, die sich hauptberuflich ununterbrochen zusammenreißen müssen, haben ganz oft verhärmte Gesichtszüge und sind gleichzeitig von einer fast schon künstlichen, irgendwie manischen Wachheit. In Diskussionen argumentieren sie bis zum Asthmaanfall konstruktiv, in ihrer Freizeit fahren sie in Brandenburg mit dem Rennrad herum, in jedem Zimmer ihrer Wohnung hängt eine Deckenlampe. Doch am einfachsten erkennt man diese Menschen daran, dass sie am Schlüsselbund einen Chip für den Einkaufswagen mit sich herumtragen – ein untrügliches Zeichen für das extrem ausgeprägte Organisationstalent der diszipliniertesten Sterbegeldpolicen-Besitzer.

„Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben“, äußerte einst Marie von Ebner-Eschenbach. Nett formuliert. Aber ist es nicht so: Wer es gut findet, sein Leben zu beherrschen, verpasst die besten Sachen? Und irgendwann sagt dann der Wurm zum Maulwurf: „Das modrige Skelett in der zweiten Reihe gibt schon wieder damit an, dass es 70 Jahre lang erfolgreich die Wasserfleckenbildung in seiner Dusche verhindert hat. Sowas von langweilig. Ich kann’s nicht mehr hören.“

Undenkbar? Nein.

Ich schätze, am Ende reduziert sich alles darauf, was ein kleiner, pelziger Maulwurf von einem denkt.

Aber jetzt muss ich dringend ein paar Sachen erledigen. Sonst werde ich womöglich zwangsseebestattet.

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