Zeitung Heute : Jetzt sprechen nur noch Waffen

Der Tagesspiegel

Von Charles A. Landsmann, Tel Aviv

Der Nahe Osten explodiert. Anschlag folgt auf Anschlag, Terroristen morden und Panzer schießen, israelische Soldaten und palästinensische Polizisten kämpfen – bis hinein in die Büroräume des Palästinenser-Führers Arafat. Tote und Verwundete auf beiden Seiten. Die Angst geht um, Leiden überall. Die befürchtete Eskalation der Gewalt ist im Prinzip bereits in einen umfassenden Krieg gemündet. Zumindest hat Israel alle Vorkehrungen getroffen, um sich auf eine langfristige militärische Auseinandersetzung vorzubereiten. Und der übrigen Welt, ob USA, Europa oder arabische Staaten, bleiben im Moment nur Appelle.

Exakt 81 Tote durch Anschläge hat Israel allein in diesem Monat März bisher zu beklagen. 14 Anschläge endeten tödlich, Dutzende forderten keine Todesopfer „nur“ Verletzte oder gar keine Opfer, Hunderte wurden zum Teil im Stadium der Planung, im Ansatz oder unmittelbar vor Tatausübung vereitelt. Keine Regierung auf der Welt kann so etwas hinnehmen, sagte Ariel Scharon öffentlich und forderte die eigene Regierung mit einem Antrag auf, mit einer umfassenden Militäraktion den islamistischen Terror, aber auch den Terror von Arafats eigenen Al-Aksa-Kommandos ein für alle Mal zu beenden.

Die Erklärung des Regierungskabinetts wurde einstimmig beschlossen. „Das Kabinett hat seine prinzipielle Zustimmung zu einer ausgeweiteten operativen Aktion gegen den paslästinensischen Terror gegeben“, heißt es zum Beispiel. Israel, so wird ausgeführt, werde handeln, „um die Infrastruktur des palästinensischen Terrors in all seinen Bestandteilen zu besiegen. Arafat, der eine antiisraelische Koalition des Terrors aufgestellt hat, ist ein Feind. Zu diesem Zeitpunkt wird er isoliert“.

Noch am Mittwoch hatte Scharon den Vorschlag des amerikanischen Chefvermittlers General Anthony Zinni für einen Waffenstillstand erneut akzeptiert, während Jassir Arafat zwar öffentlich ebenfalls Ja sagte, aber Zinni gegenüber immer neue Vorbehalte vorbrachte. Nach dem Massaker in Netanja erklärte er dann seine Bereitschaft zu einem bedingungslosen Waffenstillstand, doch versteckte er zu gleich ein paar Bedingungen in seinen Worten. Allerdings berichteten die elektronischen Medien der Palästinenser weder mit Wort noch Bild über Arafats Erklärung und die diversen Truppen erhielten keinerlei Befehle, weniger Gewaltaktionen zu verüben oder diese gar ganz einzustellen.

Arafat aber kann realistisch gesehen diesen Waffengang nur verlieren, denn außer leichten Waffen, ein paar selbst gebastelten Raketen und einer vielfachen selbstmörderischen Motivation haben die Palästinenser der modernsten und stärksten Armee des gesamten Nahen Ostens militärisch nichts entgegenzusetzen. Israel hat am Freitag mit der Mobilmachung tausender Reservisten begonnen. Es könnte die größte Mobilmachung seit mehr als einem Jahrzehnt werden. Auch dies deutet auf einen langen und ausgedehnten Militäreinsatz hin.

Ganz offensichtlich hoffte Arafat noch vor Tagen darauf, politischer Nutznießer des ungleichen militärischen Kampfes zu sein. Sein Kalkül: Israel könne es sich nicht leisten, vor aller Welt zu hart gegen ihn und seine Behörde vorzugehen. Auch deshalb ließ er wohl weitere Anschläge gegen israelische Ziele zu. Nach dem Blutbad in Netanja hat wohl auch Arafat erkannt, dass die blutige Rechnung nicht aufgehen kann – und Israel härter denn je zurückschlagen werde. Fortan inszenierte er sich als Märtyrer.

Derweil bleibt US-Vermittler Zinni zwar weiterhin im Land, doch auch seine dritte Nahostmission ist gescheitert. Und der von der Gipfelkonferenz der Arabischen Liga abgesegnete saudi-arabische Friedensplan hat zumindest derzeit angesichts der Kämpfe keine Chance, auch wenn ihn Israels Außenminister Shimon Peres grundsätzlich begrüßt hat. Die nationalistische Regierungsmehrheit lehnt ihn rundwegs ab.

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