Zeitung Heute : Jetzt wird es Zeit

Alfons Frese

In Deutschland liegt die Zahl der befristeten Arbeitsverträge unter EU-Schnitt. Gleichzeitig gibt es einen Ansturm auf Zeitarbeitsplätze. Wäre es sinnvoll einen anderen Umgang mit Arbeitszeit zu generieren und mehr befristete Arbeitsverträge abzuschließen?

Die Zeitarbeitsfirma Randstad bezeichnet den aktuellen Trend als „Flucht in die Arbeit“: Immer mehr Arbeitslose heuern bei einer Zeit- oder Leiharbeitsfirma an, weil die staatliche Unterstützung nach Hartz IV nicht mehr reicht. Die Menschen „bewerben sich jetzt auf alles, was möglich ist, heißt es beim Bundesverband Personalvermittlung. Bekommen wir also Verhältnisse wie in Holland oder England, wo mehr als vier Prozent der Beschäftigten ihren Lebensunterhalt in der Zeitarbeit verdienen? Wahrscheinlich nicht. Denn Zeitarbeit ist vor allem ein Instrument für mehr Flexibilität, um Auftrags- und Konjunkturschwankungen aufzufangen. Dafür gibt es in den deutschen Unternehmen aber inzwischen hochwirksame Steuerungsmittel. Vor allem Arbeitszeitkonten, deren Schwankungsbandbreite und Ausgleichszeitraum ständig erhöht wurde, so dass auch längerfristige Konjunkturdellen mit dem Konto abgefedert werden können.

Darüber hinaus haben sich vor allem Großunternehmen eigene, gewissermaßen interne Arbeitsagenturen geschaffen, die Arbeitnehmer innerhalb des Konzerns dahin vermitteln wo es Arbeit gibt. Bei Daimler-Chrysler zum Beispiel heißt die Einrichtung „DC Move“. Und schließlich gibt es hier zu Lande die Möglichkeit der befristeten Einstellung: Bis maximal zwei Jahre können Mitarbeiter quasi auf Probe angestellt werden. Immerhin zwölf Prozent aller Arbeitnehmer befinden sich in einem befristeten Arbeitsverhältnis. Von den Neueinstellungen, so schätzt der DGB, ist mindestens jede zweite befristet. Entsprechend gibt es auch einen Zusammenhang von Befristung und Alter. In der Erwerbstätigengruppe bis 24 Jahre ist jeder Dritte befristet beschäftigt, unter den Beschäftigten jenseits der 50 sind es nur noch sechs Prozent.

Im Übrigen wird über das Thema Arbeitszeit viel Unsinn geredet. Das haben nicht nur die vergangenen Wochen gezeigt (Feiertag weg, Raucherpause weg Urlaub weg). Das zeigt auch die Statistik. Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung arbeitet der Vollzeitbeschäftigte in Deutschland im Schnitt 42,4 Stunden, obwohl er vertraglich nur 38,4 Stunden müsste. Mehr als 60 Prozent der Beschäftigten machen Überstunden – zu einem Drittel unbezahlt. Anders gesagt: Was Arbeitgebervertreter beinahe täglich an längerer Arbeitzeit zur Kostenentlastung fordern, gibt es in weiten Teilen schon.

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