"Jewish Film Festival" : Auf der Suche nach dem Menschlichen

"Was macht einen Film jüdisch?" wird in dem Buch "Jewish Film Festival Berlin - Die ersten 10 Jahre" gefragt. Jetzt, wo das Jüdische Filmfestival sein 15-jähriges Bestehen feiert, sollte man die Frage stellen: "Ist das wichtig?".

Thomas Steiger
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The Beetle (2007). Star des Dokumentarfilms ist ein alter VW-„Käfer“: eine Schatztruhe bewegender und bewegter Lebensgeschichten...

Wählt ein Zuschauer einen Film nicht in erster Linie wegen der Geschichte und wegen der Themen, die in ihm verhandelt werden? Kann ein Adjektiv nicht auch zu einer ablehnenden Haltung führen?

Der Erfolg von „Alles auf Zucker“ mit Henry Hübchen als windigen Spieler, der unbedingt an die Erbschaft seiner Mutter gelangen will, fußt doch mehr darauf, dass der Zuschauer es mit einer liebenswert-chaotischen Familie zu tun hat, in der er sich selbst erkennen kann, als darauf, dass die Protagonisten Juden sind oder sein wollen. Dass er dabei ein wenig darüber erfährt, wie Juden leben und mit welchen Regeln sie sich auseinanderzusetzen haben, macht die Protagonisten sympathisch. Aber etwas über das Judentum zu erfahren, ist dabei der Neben- und nicht der Haupteffekt.

Oder nehmen wir die französische Komödie „Hello Goodbye“ mit Fanny Ardant und Gérard Depardieu – eine Auswanderergeschichte und eines der Highlights des Festivals. Dokusoaps über Auswanderer sind der Publikumsrenner im deutschen Fernsehen. Schicksale werden erzählt, Erwartungen werden enttäuscht, Menschen erfahren ihre Grenzen und müssen damit umgehen. So auch hier. „Hello Goodbye“ erzählt von einem Arztehepaar, das sein Luxusleben in Paris hinter sich lässt, um ihrem Leben im Ausland einen identitätsstiftenden Sinn zu geben. Zufällig sind sie Juden, zufällig sagt es beiden nicht viel, aber mit Israel verknüpfen sie die Hoffnung, dass aus dem Zufall eine Bestimmung wird. Aber schon die Einreise ist ernüchternd. Die Einreisebeamtin hat keinerlei Verständnis für die Immigranten: „Was wollen Sie hier? Es leben keine Juden in Israel – nur Israelis!“

„Hello Goodbye“ zeichnet seine Leichtigkeit, seine Menschlichkeit und vor allem sein Humor aus – seine ganz besondere Eigenschaft ist aber, dass er seinen Kern, also das Judentum, nicht mit politisch-korrekter Ehrfurcht behandelt – vielleicht ist es ja das, was einen jüdischen Film auszeichnet: sich selbst in Frage zu stellen und offen zu sein für das Ergebnis. Vielleicht besteht das besondere Verdienst von „Hello Goodbye“ und anderen Filmen des Jewish Film Festival Berlin darin, dass sie sich auf die Suche nach dem Menschlichen begeben. Dass sie hinterfragen, was es braucht, um ein Mensch zu sein, der in Einklang mit sich, seinen Mitmenschen und Gott steht. Dabei wird nicht von den Erwartungen der anderen ausgegangen, sondern immer nur von den eigenen – das Individuum als Maß der Dinge, und wie es sich wahrnimmt.

In „God on Trial“ (Sonntag, 10. Mai, 20 Uhr im Arsenal) machen jüdische KZ-Insassen Gott den Prozess. Sie werfen ihm vor, sie nicht vertragsgemäß vor dem Holocaust zu schützen. Im Verlaufe des spannend und hochphilosophisch strukturierten und überzeugend gespielten Kammerspiels drängt sich nach einer Weile die Frage in den Vordergrund, wie der Vertrag denn überhaupt ausgestaltet ist. Dies führt zu Diskussionen, die das Wesen des Judentums ausloten, die Frage stellt, ob der Holocaust nicht sogar eine Reinigung darstellt wie die Sintflut oder die Zerstörung des Tempels und erneute Verschleppung und darüber in Bereiche vordringt, die einen kritischen Bezug zum heutigen Verhalten des Staates Israel zulassen.

Natürlich beschäftigt sich eine deutliche Anzahl der Filme mit dem Holocaust, aber es geht nicht immer nur darum, das Gedenken zu bewahren. Der Dokumentarfilm „Killing Kasztner“ (Mittwoch, 13. Mai, 20 Uhr im Arsenal) setzt sich damit auseinander wie die Juden Israels mit dem Holocaust umgegangen sind. Israel Kasztner hat das Leben von 1700 ungarische Juden von Adolf Eichmann freigekauft. Doch in Israel, wo man in den 50ern dachte, die Holocaust-Opfer seien schwach und hätten lieber im Kampf sterben sollen, wurde ihm der Prozess wegen Kollaboration mit den Nazis gemacht. Unter den Filmen, die sich mit Juden in den Spannungsfeldern von Religion, Politik, Immigration oder Holocaust auseinandersetzen, finden sich auch Filme, die einfach nur Geschichten erzählen von Menschen, die ihren Träumen folgen oder ihren Weg im Leben finden müssen wie in dem israelischen Film „The Beetle“ oder dem Coming-of-Age-Film „Bart got a room“ aus den USA. Die meisten Filme des Festivals kommen aus Israel und den USA. Aus Deutschland stammen allein Alexander Freydanks Oscar-Gewinner „Spielzeugland“ und Michael Verhoevens Fernsehdokumentation „Menschliches Versagen“ (Donnerstag, 14. Mai, 20 Uhr im Arsenal).

Das Jewish Film Festival Berlin erlaubt einen unverbauten Blick auf jüdisches Leben, Denken, Selbstverständnis und Befindlichkeit, weil es sich direkt aus der Quelle speist. Damit trägt es dazu bei, die Verkrampftheit, die nach wie vor in Deutschland gegenüber dem Judentum herrscht, abzubauen.

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