Jewish Film Festival : Lachen macht vieles leichter

Nicola Galliner hat das Jewish Film Festival Berlin zu einem renommierten Festival der Hauptstadt gemacht.

Kerstin Decker

Wer kam auf die Festival-Idee? Berlin hatte doch schon ein Filmfestival?



In den USA gibt es schon seit 25 Jahren jüdische Filmfestivals, und zwar mehrere. Ich fand das wunderbar. Man sieht Filme, die sonst nirgendwo gezeigt werden, großartige Filme oft. Ich ging zu den Gregors vom „Arsenal“-Kino, und Frau Gregor sagte sofort: „Das probieren wir!“

Sie glaubten also noch gar nicht, dass das immer weitergehen würde?

Überhaupt nicht. Ich hätte nie an eine Fortsetzungsgeschichte gedacht.

Erinnern Sie sich noch an die ersten Jahre?

Aber natürlich. Wir zeigten „Zug des Lebens“, diese israelisch-französische-belgisch-niederländisch-rumänische Koproduktion …

… den wohl besten, absurdesten, menschlichsten Film über den Holocaust …

… der sogar Michel Friedman sprachlos machte. Er war der Eröffnungsgast, er musste also unbedingt etwas sagen, aber er sagte nur: „Ich kann nicht.“ Dem Publikum ging es nicht anders. Regisseur und Hauptdarsteller standen auf der Bühne und niemand hatte eine Frage. Ein wenig enttäuscht waren die schon.

War das Publikum immer friedmanstill? „Der Zug des Lebens“ ist doch ebenso ein, nun ja, sehr lustiger Film.

Wir zeigten auch den australischen Film „Angst“, der handelte von drei jüdischen Komikern, einem Amerikaner, einem Australier, einem Neuseeländer. Völlig aberwitziger Humor. Und wieder saßen die Reihen starr wie ein Brett …

In Amerika oder Israel wäre das anders?


Selbstverständlich. Da lacht der ganze Saal im selben Augenblick, 700 Leute. Das ist oft ein rein jüdisches Publikum. Hier sind die Reaktionen viel unterschiedlicher. Da lachen die Menschen vorsichtiger, manchmal erst zwei, drei Minuten später. Das macht die Sache aber auch so spannend.

Es klingt, als sei so ein jüdisches Filmfestival eine sehr lustige Veranstaltung?

Das Lachen macht vieles leichter. Vor allem wenn man in Berlin wohnt und an jeder Ecke an die Vergangenheit stößt. Außerdem sind viele Dinge zwar nicht per se lustig, wohl aber jüdisch betrachtet. Zum Beispiel wenn ein Mann sein Auto gut behandelt und alles dafür tut, so ist das überhaupt nicht lustig …

… aber wenn der Mann ein Israeli ist wie in „The Beetle“ und das Auto, wie der Titel schon sagt, ein so inkorrektes Mobil ist wie ein Volkswagen, ist das durchaus lustig!?

Genau. Mein erstes Auto war übrigens auch ein Käfer von Volkswagen, bloß der hatte im Gegensatz zum Beetle im Film überhaupt keinen Lack mehr drauf. (Nicola Galliner blättert im Programmheft des Festivals und hält auf einer Anzeigenseite mit Skoda-Reclame inne) Sehen Sie, vielleicht ist das eine jüdische Autoreklame: „Sicherheit wie in Abrahams Schoß steht da.“ Und: „Mit viel Charme und Chuzpe berät Sie …“

… ist Chuzpe denn ein jüdisches Wort?

Aber selbstverständlich. Obwohl sonst niemand genau weiß, was noch jüdisch ist. Deshalb haben es Alain und Gisèle in der wunderbaren französischen Komödie „Hello Goodbye“ auch so schwer. Gérard Depardieu ist Alain …

… und Alain ist ein besonders schlechter Israeli, schon weil er nicht Hebräisch spricht.

Es ist schon unheimlich, wie viele Dinge komisch werden vor einem Hintergrund, der das Grauen selbst ist. Vor ein paar Jahren hat die Norwegerin Nina F. Grünfeld einen Film über ihren Vater gedreht, der ein sehr berühmter Psychiater dort ist. Und sein Lebensbekenntnis lautete: Es interessiert mich nicht, woher ich komme! Kindheit ist nicht wichtig!

Das sagt ein Nachfahre Freuds?

Ja, sehen Sie! Bei jedem anderen wäre das ein fachlicher Irrtum, bei ihm ist es tragikomisch, denn es war der Selbstschutz seines Lebens.

Nina F. Grünfeld ist in diesem Jahr wieder da mit dem zweiten Film über ihren Vater?

„The dying Doctor“ ist das sensible, schöne Porträt ihres sterbenden Vaters, der sich kurz vorm Tod doch noch einlässt auf sein Herkommen. Unser Festival hat schon seine eigenen Traditionen, Regisseure, die immer wiederkommen.

Aber hatten jüdische Filmemacher und Schauspieler anfangs überhaupt Lust, ihre Filme in Berlin zu zeigen?


Eine sehr bekannte Israelin, Hauptfigur eines Dokumentarfilms, schaute auf ihre Uhr und sagte: Ich bleibe für 48 Stunden, höchstens. Es war ihr höchst unheimlich, nach Berlin zu kommen. Das war im ersten Festivaljahr. Seitdem war sie immer wieder da.

Das Interview führte Kerstin Decker.

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