Joachim Löw : Fußball ist Gedankenspiel

Seine Kernkompetenz: die Taktiktafel – an ihr hat sich der Pädagoge Joachim Löw seine Nationalmannschaft gebaut. Übrigens: Er will nicht angreifen. Er will mehr.

Michael Rosentritt
Joachim Löw
Joachim Löw. -Foto: dpa

AsconaNeulich bekam Joachim Löw Besuch vom „Tigerenten-Club“. Die beiden Reporter des Kinderfernsehens wollten vom Bundestrainer wissen, was ihn denn auf die Palme bringe? „Kokosnüsse“, antwortete Löw, der auch jede weitere Frage mit guter Laune und Geduld ertrug. Die Reporter waren stolz und überreichten dem Bundestrainer hinterher eine kleine schwarz-gelb gestreifte Ente aus Holz – eine Tigerente eben.

Da war er wieder, der liebe Herr Löw aus dem Schwarzwald, vom Rande der Republik – freundlich, verbindlich, umgänglich. In seinem ersten Leben als Trainer, als er noch Frauenfeld, Karlsruhe oder Tirol Innsbruck trainierte, eilte ihm dieser Ruf voraus und wurde ihm zum Verhängnis. Jetzt, vom Rand in die Mitte gerückt, als 48-Jähriger und Chef der wichtigsten deutschen Mannschaft, hat sich das erledigt.

Kaum, dass die Tigerenten-Reporter weg waren, hat derselbe Joachim Löw drei deutsche Nationalspieler, die er in seinen EM-Kader berufen hatte, wieder ins Freie gesetzt und deren Traum vom großen Turnier zerstört. Unter ihnen war der gerade mal 19 Jahre alte Mönchengladbacher Marko Marin, der bisher in der Zweiten Liga kickte und nur Fachleuten ein Begriff war. Löw überraschte das Land mit dieser Nominierung. Sie war mutig, keck und voller Fantasie. Nicht wenige glaubten, in Löw etwas von seinem forschen Vorgänger Jürgen Klinsmann gesehen zu haben. Der hatte als Bundestrainer mit allerhand Neuem den bis dahin schwer- und selbstgefälligen deutschen Fußball durcheinandergewirbelt. Klinsmann hätte Marin vielleicht auch ausgesucht, vor allem aber hätte er diese Vision auch durchgezogen und ihn mit zur EM genommen.

Löw hat sich anders entschieden. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte irritiert, dass er Marin, in dessen dünnen Beinen so viel fußballerisches Talent wohnt, dass er diesen Coup plötzlich wieder einkassierte. Löw schickte das Neue, das Aufregende, das Unfertige an seinem Kader wieder nach Hause. Dass Löw zwei Tage vor dieser Zäsur Zahnschmerzen bekam und sich mehrmals behandeln lassen musste, kann Zufall gewesen sein. Vielleicht aber auch nicht. Hinterher erzählte er, dass solche Entscheidungen nicht zu den „Trainer-Highlights“ gehören. Der Eindruck, der in der Öffentlichkeit entstand, war der: Das eine war Tiger, das andere Ente.

Wer oder was ist Joachim Löw wirklich?

Wer den Bundestrainer verstehen will, kann bei Jürgen Klinsmann suchen. Der war noch gar nicht lange im Amt, da sagte er einen Satz, der zur Grundmelodie seines Wirkens als Bundestrainer wurde. „Ich komme aus der Angreiferecke“, hatte der frühere Stürmer gesagt und sich daran gemacht, den deutschen Fußball zu revolutionieren. Klinsmanns Entscheidungen waren unbequem und überraschend. War so nicht die deutsche Elf, die das Land einen Sommer lang berauschte? Manche meinen, das fehle der Mannschaft jetzt.

Joachim Löw will nicht angreifen. Er will mehr. Er denkt nicht projektbezogen wie sein Vorgänger, er will verstetigen, er will Dauerhaftigkeit. Löw hat sich eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen gebaut. Und ist mithin ein Trainer geworden, wie der Spieler Löw ihn sich gewünscht hätte.

Der Schönauer hatte als Fußballer keine große Karriere. Er selbst hielt sich für begabt, aus ihm hätte mehr werden können, wenn er anders, spezieller, individualisierter – kurz, wenn er so trainiert hätte, wie er es als Bundestrainer seinen Spielern bietet. „Ich habe viel aus eigenen Erfahrungen gelernt, aus den Fehlern, die ich gemacht habe“, hat Löw neulich erzählt. Seine Fähigkeiten hat er mit einem Puzzle verglichen, das sich zusammengesetzt hat. Er habe sich ein Gesamtbild erarbeitet. Es lasse einem dann vieles klarer erscheinen. „Ich weiß jetzt, wie ich mit meiner Philosophie zum Ziel kommen kann, wie man mit ansehnlichem Fußball erfolgreich spielen kann. Ich kenne jetzt Lösungen. Ich weiß, wie eine Mannschaft spielen sollte, was man dafür tun muss.“

Es ist jetzt beinahe zwei Jahre her, als Klinsmann auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor gefeiert und bedrängt wurde. Eine halbe Million Menschen war gekommen, um Klinsmann zum Weitermachen zu bewegen. Das ganze Land war in Wallung, plötzlich hatten die Menschen Angst, dass diese Aufbruchstimmung verloren ginge im Alltag, wenn es Klinsmann heim an die Pazifikküste zöge.

Diese Angst ist verflogen. Die deutsche Mannschaft ist unter Löw besser geworden, sie ist reifer und selbstbewusster. Sie ist in ihrer Spielanlage stilsicher, kommt mit spielstarken wie kampfstarken Mannschaften zurecht. Die Spieler haben das System, das Löw ihnen verabreichte, verinnerlicht, und sie besitzen Handlungsstrategien, auf etwaige Situationen zu reagieren, „Wenn-dann-Strategien“ nennt sie Löw.

Neulich hat er erzählt, wie gut er schlafe. Je näher das Turnier rücke, desto besser. „Wir sind überzeugt von unserer Arbeit, und wir haben allen Grund, unseren Spielern zu vertrauen. Ich freue mich auf die EM“, sagte Löw. Die Europameisterschaft ist das erste große Turnier, in das er als Cheftrainer geht. Für regelmäßige Beobachter der Nationalmannschaft ist es immer wieder erstaunlich, wie cool Löw bisher bei allem Rummel um seine Person geblieben ist. „Diese Coolness speist sich aus Gelassenheit“, sagt Roland Eitel, „der Jogi hat doch keinen Druck. Das ist eine der wesentlichen Parallelen zu Jürgen Klinsmann. Beide sind wirklich unabhängig.“

Eitel, Jahrgang 1958, kennt beide sehr gut. Er ist ihr gemeinsamer Berater. Er war damals, direkt nach der WM, mit im Schwarzwald, als die wichtigen Entscheidungen an der Spitze des deutschen Fußballs fielen, als Klinsmann dem DFB telefonisch absagte und nur eine halbe Stunde später bei Löw das Telefon klingelte und DFB-Präsident Theo Zwanziger fragte, ob er Bundestrainer werden würde.

Eitel arbeitet seit 1998 mit Löw. Verändert habe der sich seither eigentlich nicht. „Er ist so wie immer, nur das, was ihm früher negativ ausgelegt wurde, zu lieb zu sein, das stimmte damals so ja nicht.“ Der Grat zwischen Temperamentlosigkeit und Coolness sei schmal, nur sei es „dem Jogi“ früher anders ausgelegt worden.

Das Verhältnis zischen Klinsmann und Löw entstand relativ spät. „Wir kannten uns kaum, als er mich im Sommer 2004 anrief“, hat Löw einmal erzählt. Als Spieler sei man sich mal über den Weg gelaufen und später, als Löw schon Trainer in Stuttgart war und Klinsmann noch bei den Bayern spielte. Als Löw im Frühsommer 1999 Eitel fragte, wohin er in den Urlaub fahre, antwortete dieser: nach Kalifornien. Löw sagte: Gut, dann gehe ich mit. Eitel sagte, dass er erst einmal den Jürgen fragen wolle. Der habe geantwortet: okay.

Besser kennen gelernt haben sich Klinsmann und Löw bei der Trainerausbildung 2000 in Köln. „Aber engen Kontakt hatten wir nie. Wenn er nicht eine ähnliche, offensive Spielphilosophie vertreten hätte wie ich, wäre für mich ein Arbeitsverhältnis nicht infrage gekommen, auch nicht bei der Nationalmannschaft. Ich wäre unglücklich geworden. Aber so bin ich ihm dankbar, dass er mich angerufen hat“, erzählt Löw.

Tatsächlich hätte es ohne Klinsmann den Bundestrainer Löw nicht gegeben. Eitel sagt: „Jürgen hat den Weg geebnet, der Bestand hat, vor allem aber mit Löw als Garantie.“ Klinsmann, der Freigeist aus Kalifornien, musste den DFB erst zwei Jahre lang mit seiner an Sturheit grenzenden Kompromisslosigkeit sturmreif reformieren – für Löw, einen Bundestrainer ohne große Karriere und ohne großen Namen.

Löw hatte nicht die Autorität in den Beinen wie Klinsmann, der sich 108 Länderspiele erlaufen hatte und Welt- und Europameister geworden war. Löw, Sohn eines Ofensetzermeisters, hat andere Qualitäten. Er ist dann gut, wenn er Zeit bekomme, Spieler zu überzeugen. Löws Autorität ruht auf der Taktiktafel. Sein eigentlicher Wert ist, dass er aus einer guten Mannschaft eine noch bessere macht. Aber nicht aus einer schlechten ein gute. Hexen könne auch Löw nicht, aber im Unterschied zu Klinsmann ist Löw ein richtiger Fußballpädagoge. „Der Jogi könnte auch eine thailändische Mannschaft trainieren und wäre glücklich, für weit weniger Geld“, sagt Eitel.

Mit jedem Tag mehr, den Löw Bundestrainer war, setzte sich die Erkenntnis durch, dass nicht Klinsmann den deutschen Fußball umgekrempelt hat. Klinsmann hatte die Idee, wie eine funktionierende Mannschaft auszusehen hat und dazu die vertraglich zugesicherte Unabhängigkeit. Der Umkrempler war Löw. Nationalspieler Lukas Podolski sagt: „Für mich gab es schon 2006 zwei Bundestrainer.“

Nach nur einem Jahr und einer erfolgreichen EM-Qualifikation bot DFB-Präsident Zwanziger Löw eine Vertragsverlängerung bis 2010 an, inklusive der WM in Südafrika. Und auch Franz Beckenbauer drängte: „Ganz gleich, was 2008 passiert, wäre es gut, wenn er länger bleibt. Er war der Ausbilder der Mannschaft.“ Löw unterschrieb. „Denken Sie nicht, dass er einfacher ist als Klinsmann“, sagte hinterher der Verbandschef, „aber er bietet nicht so viele Angriffsflächen.“

Löw ist ebenso durchsetzungsfähig wie Klinsmann, allerdings gegensätzlich in der Vorgehensweise. „Jürgen ist kompromisslos, um Ziele durchzusetzen, der Jogi eher auf Ausgleich bedacht, er will überzeugen“, sagt Eitel.

„Vielleicht ist es insgesamt etwas lockerer geworden“, hat Michael Ballack erzählt, „vor Jürgen hatten die Leute sicherlich manchmal auch Angst, er konnte sehr streng und impulsiv sein. Aber das war damals, für die WM im eigenen Land, gar nicht schlecht.“ Der Bremer Nationalspieler Tim Borowski findet: „ Er ist dezenter in seiner Ansprache, aber punktuell setzt auch er Stiche, um uns zu motivieren.“

Löws Fachlichkeit ist sein größter Schutz. Er kann überzeugen, Spieler wie Medien. Und dann ist da noch seine Familie, sein privates Umfeld. Löw, verheiratet mit Daniela, hat den gleichen Freundeskreis wie früher. Es sind Freunde, die nichts mit Fußball zu tun haben. Löw wirkt abgeklärter als Klinsmann, womöglich, weil er die Dinge nicht so nah an sich heran lässt, ohne dabei aber oberflächlich zu sein.

Seit dem Besuch vom Kinderfernsehen sind ein paar Tage vergangen. Dafür war der Verbandspräsident da. „Ich weiß, dass Joachim Löw ein großartiger Trainer ist“, hat Theo Zwanziger gesagt: „Und ich weiß, dass er diesen Titel unbedingt will.“ Er hätte einfach auch sagen können: Löw ist weder Tiger noch Ente, er ist beides, eine Tigerente, eine Traumkombination.

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