Zeitung Heute : Job-Tickets für Quereinsteiger

Reisen in alle Welt verkaufen

Katja Winckler

Das berühmteste Reisebüro Deutschlands heißt Ehrlich Reisen. Dort arbeitet Mutter Beimer – mit Blick auf die Lindenstraße. Ein Branchenkollege von ihr arbeitet in Berlin und heißt Georg Fabian. Im Gegensatz zu Beimer hat er nach dem Abitur etwa 25 Semester studiert - „alles einmal querbeet“. Nebenbei fuhr er Taxi und reiste, wenn genug Geld zusammen war, mit dem Zelt von Dänemark nach Frankreich, Italien, Griechenland und Ungarn. Später ging es nach Nicaragua und in die USA. Mit vierzig Jahren beschloss Fabian, auf Reisevermittlung umzusatteln.

Neben den ausgebildeten Reiseverkehrskaufleuten arbeiten in den 20 000 Reisebüros in Deutschland, in spezialisierten Büros und in Last-Minute-Agenturen auch Quereinsteiger wie Fabian. Sie kennen sich in Buchhaltung aus, können mit dem Buchungssystem START Amadeus umgehen und wissen, wo es was zu sehen gibt: die ältesten Buddhatempel der Welt, Ausgrabungsstätten oder romantische Fischerdörfchen.

Als Reiseverkäufer lernt man, Flugtarife zu berechnen, exotische Rundreisen zu planen und Bahntickets auszustellen. Fabian: „Gerade für Flüge ins Ausland gibt es eine Menge Kniffe. Man muss wissen, welche Sonder- und Graumarkttarife existieren und wo man sie bekommt.“ Auch die Kataloge müsse man lernen zu lesen. Ein belebter Badeort etwa kann ein Synonym für Ballermann-Atmosphäre sein und „manchmal bedeutet es auch, dass in jedem Rinnstein eine Alkoholleiche liegt“. Am besten natürlich, man fährt selbst los, denn wer eine Stadt mit eigenen Augen gesehen hat, kann ganz anders davon erzählen und sie besser verkaufen. Fabian: „Wenn ich selbst eine Tempelanlage angeschaut habe, kann ich berichten, wie die Kuppeln in der Morgensonne leuchten, wie man im Garten mit den Mönchen Tee trinkt und dass man im Kloster auch übernachten kann.“ Manche Reiseanbieter laden die Vermittler zu Infotrips ein.

Fabian hat sich auf Bahnreisen spezialisiert. Während seine Kollegen Flugtickets in verkaufen, findet er heraus, wie man per Zug durch Europa, nach Peking oder Wladiwostok kommt. Dass er ein paar Semester Mathematik studiert hat, hilft: „Logisches Denken ist wichtig, wenn man die ideale Tarifkombination für Auslandsfahrten herausfinden will.“ Außerdem muss ein Reiseverkäufer mit urlaubsreifen Kunden umgehen können, kommunikationsfreudig sein und Spaß am Verkaufen haben. In Reisebüros, die sich auf Firmenreisen spezialisiert und kaum Publikumsverkehr haben, kann man aber auch introvertiert sein.

www.derv.de , www.srv.ch

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