Zeitung Heute : Jobherausforderung Tourismus

Regina-C. Henkel

Morgen ist es wieder so weit. Nach zwei Messetagen, an denen sich "Otto Normal" auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) Lust auf Urlaub holen durfte, sind Montag und Dienstag die Fachbesucher ganz unter sich. Das ist vielleicht ganz gut so, denn die Profis der Branche haben es als Animateure gar nicht so leicht. "Otto Normal" hat sich zum mündigen Kunden mit sehr konkreten Vorstellungen entwickelt. Horst W. Opaschowski hat das mit seiner "10. Gesamtdeutschen Tourismusanalyse" herausgefunden. Die Teilnehmer des Kongresses "Progress in Tourism Research" mit dem zentralen Thema "Destinations-Management und Tourismuspolitik" kennen die Ergebnisse bereits. Am Dienstag wird ihnen auch noch die "Reiseanalyse RA 2000 / Urlaub + Reisen" vorgestellt. Anzunehmen, dass die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen in ihrer Studie zu ähnlichen Ergebnissen gekommen ist wie Opaschowski.

Der Guru vom Freizeit-Forschungsinstitut der British-American Tobacco in Hamburg berichtet zum Beispiel, dass die erfolgsgewohnte Reisebranche in den Zangengriff von Zeit und Geld geraten ist, dass der neue Trend Luxese (zusammengesetzt aus Askese und Luxus) heißt, und dass nicht einmal mehr jeder zweite Bundesbürger in diesem Jahr verreisen will.

Doch Balkonien bringt keine Jobs - zumindest nicht in der Tourismusbranche. Der Online-Stellenmarkt FVW Internationale, angeblich der "größte Stellenmarkt für die Reisebranche in Deutschland" (Internetadresse: www.fvw.de ), listet aktuell für die Region Berlin kein einziges Stellenangebot auf. Was wohl aus den Studenten der Universitäten, Fachhochschulen, Berufsakademien und studentischen Arbeitskreisen wird, zu der das Wissenschafts-Zentrum der ITB auf die Messe eingeladen hat? Werden ihnen Fachreferate etwa über die "postmoderne Form des Tourismuskonsums" auf die Karriereleiter helfen - oder eher eine Projektbörse, die die Messe Berlin mit dem Alpenforschungsinstitut (t 088 21 / 183 - 303, www.alpenforschung.de/itb ) auf den Weg gebracht hat?

Vielleicht kann ja auch der Tagesspiegel am Dienstag zwischen 14 und 16 Uhr im Palais am Funkturm neue Perspektiven aufzeigen. Mit dem Thema "Echt künstlich! Inszenierte und virtuelle Ferienwelten / Reisen im 21. Jahrhundert" trifft die - gemeinsam mit der Deutschen Welle - veranstalteten Podiumsdiskussion auf jeden Fall ins Schwarze. Unter anderem soll erörtert werden, ob auch der Abstieg der Erholungs- und Abwechslungssuchenden in den heimischen Cyber-Keller demnächst in das Aufgabengebiet der Tourismusbranche fällt. Außerdem ist da auch noch die ITB-Initiative "Tourismus - Umwelt und Entwicklung". Deren Themen heißen: "Kinderarbeit und -Ausbeutung", "Tourismus und Biodiversität" und "Urlaubsmobilität".

Während Erich Kaub, Präsident des Bundesverbandes der Tourismusbranche, zur Erleichterung der Personalsuche die Abschaffung der Trinkgeldsteuer fordert, setzen die 18 nationalen und internationalen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen der Umwelt-Initiative auf Qualifikation und moderne Medien. Allesamt sind im Internet präsent (etwa unter www.iz3w.org/fernweh/deutsch/forum/index.html oder auch www.eco-tip.org ) und allesamt lassen sich von der gebremsten Reiselust der Deutschen nicht paralysieren. Sie sehen, dass das Beschäftigungsfeld Tourismus nicht am Reisebürotresen, in der Hotellobby oder im Restaurant endet, sondern dort erst beginnt.

Touristen wünschen sich zwar in erster Linie eine "schöne Landschaft" (71 Prozent). Sie legen aber auch viel Wert auf Atmosphärefaktoren wie "Sauberkeit" (58 Prozent) und "Freundlichkeit" (52 Prozent). Die Branche braucht also Wohlfühl-Profis. Aus all diesen Gründen bietet sehr wohl auch "Balkonien" jede Menge Jobs: Für Informatiker, die Cyber-Urlaub kreieren, für Abwasseringenieure, weil nicht nur auf Mallorca inzwischen das Trinkwasser knapp wird, und sogar für Politikwissenschaftler. Mit Kinderarbeit erkaufte Erholung ist auch dem "Aldi"-Urlauber zu teuer.

Wenn die Tourismus-Industrie die Zeichen der Zeit erkennt, kann sie sich auf der ITB genau das Personal zusammenstellen, das sie braucht. Die Branche mit insgesamt gut 2,8 Millionen Arbeitsplätzen braucht nicht nur gastronomisches Service-Personal, sondern Dienst-Leister aller Qualifikationen. Ganz dringend benötigt werden Spezialisten für den E-Commerce-Sektor. Am Mittwoch geht mit der Travel24.com AG der erste Online-Reisevermittler an die Börse. Es wird nicht der letzte sein. Und last but not least werden junge Ideen zur Betreuung der Urlauber gebraucht, die ihre Koffer im Schrank lassen. Das können zum Beispiel charmante Dienstleistungen wie die des 36-jährigen "Kulturarrangeurs" Tobias von Schoenebeck sein. Die Möglichkeiten, mit pfiffigen Einfällen erfolgreich zu starten, sind im Urlaubsjahr 2000 mit 48 Prozent "Daheimbleibern" nahezu unbegrenzt. Wer mit solidem Selbstbewusstsein und der Basis-Qualifikation "Ärmel hochkrempeln" auf Jobsuche ist, braucht heute und Mittwoch nur 22 Mark Eintrittsgeld. Veränderungswillige - also Branchenwechsler genauso wie Aufstiegsaspiranten - haben die Gelegenheit, mit 2000 inländischen und 6800 ausländischen Ausstellern ins Gespräch zu kommen und sie von ihren Talenten zu überzeugen.

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