Zeitung Heute : Jobmaschine Wahl

An vorderster Front und hinter den Kulissen: Berufe rund um die Politik. Ein Parteibuch ist nicht immer Bedingung

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Von Regina-C. Henkel

Und Katja Winckler

Wenn heute Abend um 18 Uhr die Wahllokale schließen, kann Marcel Uhlemann alle Viere von sich strecken. Der Multimedia- und Vertriebsspezialist beim Berliner Jobvermittler „Jobs in time“ hat ein sechsteiliges Wahl-Gewinnspiel entwickelt, das per E-Mail an die Kunden ging und bei dem unter anderem eine Bundestagsbesichtigung zu gewinnen war. Ab morgen kann sich Uhlemann wieder auf seine Kernaufgaben konzentrieren: Vertriebscontrolling.

Auch die vielen Tausend Wahlkampfhelfer der Parteien können aufatmen: Sie haben seit Wochen mehr oder weniger witzig gebrandete Feuerzeuge, Luftballons, Kugelschreiber und Kondome unters Volk gebracht. Entgelt gab es nicht. Immerhin: Die Hersteller konnten mit den Gimmicks ihre Maschinen und Belegschaften auslasten.

Allein für den Wahlkampf 1999 in Berlin gaben SPD, CDU, PDS und Grüne rund 14 Millionen Mark aus. Die Plakate, Veranstaltungen, Zeitungsanzeigen und TV-Werbespots im Vorfeld des heutigen Wahltages kosten ein Vielfaches in Euro, werden über die im Parteien- und Bundeswahlgesetz geregelte Wahlkampfkostenerstattung aber weitgehend vom Bürger refinanziert: Etwa 50 bis 70 Cent bringt ein Kreuz auf dem Stimmzettel den Parteien und Direktkandidaten ein.

Doch es geht nicht nur ums Geld. Eine Bundestagswahl ist eine riesige Jobmaschine. Die meisten Bürger denken zunächst an die rund 630 000 Wahlhelfer, die durch ihren ehrenamtlichen Einsatz den insgesamt 3542 Kandidaten unter die Arme greifen und zum Gelingen der Bundestagswahl beitragen. Damit ist es aber nicht getan. So gut wie jede Branche ist involviert. Für Jedermann sichtbar: Kneipiers, Caterer und Eventagenturen, die zu Parteiveranstaltungen ihre Zapfhähne aufdrehen und Leckereien auftischen. Jetzt müssen sie neue Anlässen finden oder kreieren, um ihre Mitarbeiter halten zu können. Auch so vermeintlich lapidare Aufgaben wie Wahlzettel oder -plakate drucken, die Wahlokale pünktlich zu öffnen und wieder zu schließen, sind Jobs, die in der Öffentlichkeit relativ bewusst wahrgenommen werden.

Ganz anders die Arbeit der vielen Fachleute, die beispielsweise an den beiden TV-Duellen von Kanzler und Kandidat im Studio in Adlershof weitestgehend im Hintergrund mitgewirkt haben: Kameraleute, Toningenieure, Bühnenbauer, Maskenbildner, Beleuchter, Sicherheitsleute und auch Reinigungsleute waren unermüdlich im Einsatz, genauso wie Rhetorik-Spezialisten und Psychologen. Politologen dagegen profitieren vom Wahlkampf erstaunlich wenig (siehe Artikel links). Ganz anders IT-Profis. Um Zahlenkolonnen einzulesen und in verständliche Charts zu übersetzen oder die optimale Kameraführung bei einem TV-Duell zu simulieren, braucht es Know-how in höherer Mathematik und Multimedia.

Ein Parteibuch ist für die meisten dieser Jobs keine Bedingung. Schon gar nicht bei den Demoskopen, die jede Woche neue Prognosen stellten, wer gerade die Nase vorn hat. Bei ihnen ist vor allem Belastbarkeit gefragt, denn kaum sind die Bundestagswahlen abgewickelt, steht schon die nächste Landtags- oder Kommunalwahl an. Zeit zum Durchatmen gibt es da nicht.

Kaum anders geht es all den vielen Fachleuten, die grundsätzlich hinter den Kulissen arbeiten. Mehrheitlich sind es Akademiker mit Spitzen-Abschlüssen. Sie arbeiten mit ihrem Fachwissen und ihrer Überzeugungskraft deutlich subtiler als die Spin-Doctors oder die in den vergangenen Wochen zu wahrer Popularität gekommenen „Gegnerbeobachter“ in den Parteien: Wissenschaftliche Mitarbeiter bei Abgeordneten und Ministern. Sie müssen sich bewerben wie für jeden anderen Job auch – und leisten Kärrnerarbeit. Sie recherchieren Fakten und entwickeln Argumentationsketten. Und da sind auch noch die Referenten bei politiknahen Einrichtungen. Sie bereiten zum Beispiel Diskussionsforen vor. Das politische Engagement - meist schon seit Studentenzeiten - ist dabei nicht unerheblich. Wer bei solchen Institutionen reüssieren will, muss Spaß am Mitgestalten der Gesellschaft haben.

Wenn heute Abend um 18 Uhr die Wahllokale schließen, legen andere erst richtig los. Zum Beispiel Tobias Dürr. Der Chefredakteur des politischen Magazins „Berliner Republik“ und seine Autoren werden in den kommenden Wochen jede Menge Analysen des Wahlausgangs zu Papier bringen (siehe Beitrag unten). Und in den Verwaltungen beginnt - je nach Wahlausgang - eine neue Ära.

Auf der Internetplattform www.wahlthemen.de können sich immer noch Unentschlossene auch heute noch informieren.

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