Zeitung Heute : Jobsuche: "Wir haben uns entschlossen, Sie sofort freizustellen ..."

Thilo Rieg ist Leiter Marketing des Internet-Perso

Thilo Rieg ist Leiter Marketing des Internet-Personalvermittlers Jobscout24. Das war er nicht immer. Der 34-Jährige kennt auch die Tiefen des Arbeitsmarktes. Nach dem Theaterwissenschafts-Studium in Wien stieg er bei der IBM im Bereich Sponsoring ein, wechselte zum Kommunikationsanbieter Otelo und dann in die New Economy - und verlor prompt seinen Job. Wie er diese Situation erfolgreich bewältigte, schildert er nachfolgend in allen ihren Phasen. Er weiß, dass seine Erfahrungen kein Einzelschicksal sind, deshalb rät er Betroffenen: "Das Wichtigste ist es, sein privates und berufliches Netzwerk zu aktivieren."

Ich hatte es geahnt. Der neue Geschäftsführer legt ein knapp beschriebenes Blatt auf den Tisch: "Wir haben uns entschlossen, Sie sofort freizustellen. Es tut mir leid". Im Geiste hatte ich die Situation durchgespielt und glaubte mich vorbereitet. Ich war es nicht.

Die Kündigung trifft mich mit voller Wucht. Schnell den Arbeitsplatz räumen. Die Ex-Kollegen schauen bedrückt zu, einige betreten weg. Nichts wie raus nach Hause. Die um Fassung bemühte Ehefrau empfängt mich mit aufmunternden Worten. Ich bin wie in Trance. So fühlt sich das also an. Bisher hatte ich nur darüber gelesen. Abends telefoniere ich mit Freunden und Familie - alle sind schockiert. Ich beteuere, dass es mir gut geht. Doch das stimmt nicht. Die ersten Tage nach der Kündigung sind die schlimmsten. Ich rede mir ein, endlich Zeit zu haben. Den Rasen mähen und die Kisten vom letzten Umzug sind noch nicht alle ausgepackt. Aber am liebsten möchte ich morgens früh aufstehen und ins Büro gehen.

Tagsüber gehe ich jetzt einkaufen. Sieht man es mir schon an? Wieso ist ein Mann im besten Alter um diese Zeit im Supermarkt? Warum arbeitet der nicht? Genau das denke ich auch über jeden, der nicht in Begleitung von Kindern oder älter als 60 ist. Kochen und die Wohnung auf Vordermann bringen wird zum Höhepunkt des Tages. Aber nicht zuviel machen. Der nächste Job ist vielleicht in einer anderen Stadt. Den neuen Wäschetrockner kaufen wir erst mal nicht. Ich muss doch sparen, bis ich weiß, wie es weiter geht.

Die Telefonrechnung schnellt nach oben, ich will mit so vielen Menschen wie möglich in Kontakt bleiben. Auf keinen Fall das Gefühl bekommen, allein zu sein. In der Tageszeitung lese ich jeden Artikel. Und wenn darin von Kündigungswellen geschrieben ist, empfinde ich jetzt Mitleid mit den Betroffenen. "Geh doch in Urlaub" raten mir Freunde. Doch wie soll ich den genießen, ohne zu wissen, was danach kommt? Der Gang zum Arbeitsamt ist der absolute Tiefpunkt.

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