Zeitung Heute : Jodeln vorm Jubeln

Bayern, die Fußball-WM, sich selbst: wofür Edmund Stoiber in Mexiko und Kalifornien Interesse weckt

Robert Birnbaum[Sacramento]

Der Terminator hat gewaltige Pranken, und Edmund Stoiber hat ein nachgerade seliges Lächeln im Gesicht. Das Lächeln rührt nicht allein daher, dass der Mann neben ihm soeben eine Salve von lobenden Superlativen abgefeuert hat, die gegipfelt hat in der Feststellung, der Besucher sei „ein großer Führer des bayerischen Volkes“. Diese Show gehört zum Standardrepertoire des Arnold Schwarzenegger, einst Schauspieler, jetzt Gouverneur von Kalifornien und in dieser Rolle nach allgemeinem Urteil besser als je in Hollywood. Nein, das Lächeln des Gastes hat etwas zu tun mit dem, was hier eben nicht zum Standard gehört. Schon gar nicht für Gäste, von denen in Sacramento und Umgebung praktisch kein Mensch auch nur sagen könnte, wo die Weltgegend liegt, aus der sie kommen. Keiner – mit einer Ausnahme. Der Gouverneur hat sofort erkannt, dass die als Gastgeschenk überreichten Zigarren vom Pfeifen-Diehl sind. Da hat er nämlich immer selbst eingekauft, als er zwei Jahre in München gelebt hat. Es füllt so etwas wie gerührte Nostalgie den Raum.

Das Treffen in Sacramento ist aber auch seitens der Gäste von vornherein als der Höhepunkt einer Reise eingeplant gewesen, die man eine Verkaufsveranstaltung im umfassenden Sinne nennen könnte. In Mexiko zum Beispiel hat Edmund Stoiber vier Tage lang Bayern verkauft. „Im Vordergrund und im Hintergrund steht der mexikanische Markt“, hat er dem örtlichen Fernsehen erläutert. In Mexiko wissen sie schon etwas genauer, wo Deutschland liegt, weil der VW Käfer nahezu das Monopol im lokalen Taxi-Gewerbe hat. Kein direkt bayerisches Produkt, zugegeben, aber in Stoibers umfangreicher Wirtschaftsdelegation sind die Auto-Zulieferer gut vertreten. Die hat der Ministerpräsident dem Präsidenten Vicente Fox und anderen Regierungspolitikern ans Herz gelegt. Im Gegenzug hat er sich angehört, dass sie von Mittelamerika aus betrachtet das alte Europa etwas lahm finden: im eigenen Saft schmorend und die Chancen verschlafend, die das Engagement in einem Schwellenland mit beachtlichen Wachstumsquoten doch biete. Das hat in Stoiber die Überzeugung bekräftigt, dass, grob zusammengefasst, Deutschland sich allerschnellstens fit machen müsse für den globalen Wettbewerb. Zum Trost hat der Präsident Fox dem Besucher gesagt, dass er Bayern für „den fröhlichsten Teil Deutschlands“ halte. Er konnte ja nicht wissen, dass die Bayern das sofort unter Beweis stellen würden.

Der Zocalo ist ein riesiger Platz im Zentrum von Mexiko-Stadt, eingerahmt von der Kathedrale und dem Nationalpalast und weithin sichtbar durch eine Fahne, die mindestens so groß ist wie der Strafraum auf einem Fußballfeld. Außerdem gibt es auf dem Zocalo jede Menge Krach. Die Bewegung für die Rechte der Frauen hat vorhin mit vier Trucks eine Art Love Parade abgehalten, danach hat die Kommunistische Partei aus ihrem Zelt in der Südostecke die Internationale erschallen lassen. Gerade aber hat die Tuba der Vier Hinterberger Musikanten zum ersten Mal über den Platz gedröhnt, und der Ton hat sogar die Mexikaner verblüfft. Väterchen Stalin starrt von seinem Foto aus verkniffen zu den zwei bayerischen Wappenlöwen herüber, die die Rückwand einer großen Bühne zieren, und zu den fremdartigen Gestalten in kurzen Lederhosen. Er scheint zu ahnen, dass dies nicht nur musikalisch die Konkurrenz darstellt.

Der Hans Obermeyer, den sie am Morgen mit seinen drei Mann eingeflogen haben, sieht es ähnlich. „Des san die Kommunisten?“, fragt der staatlich geprüfte Lehrer für Volksmusik. „Da müssn mer durch.“ Woraufhin die Hinterberger den Liedtext „Holderi holderei holdiri holdero“ zum Vortrag bringen, was in die Gesichter der Mexikaner schon wieder diese leise Irritation zaubert.

Es hätte ihr Erstaunen also kaum mehr steigern können, wenn sie jetzt auch noch den bayerischen Ministerpräsidenten präsentiert bekommen hätten. Stoiber ist dann aber doch nicht mehr gekommen, um ein paar hundert Passanten persönlich den Standort Bayern als Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ans Herz zu legen, sondern hat sich auf eine Präsentation vor geladenen Gästen beschränkt. Die Weltmeisterschaft – nicht ganz korrekt als „World Cup 2006 Bavaria“ lokalisiert – ist das Zweite, was Stoiber hier verkauft.

Wenn wir die Gesichter des Publikums auf dem Zocalo richtig deuten, hat das nicht perfekt funktioniert. Warum auch sollten sie dem Zusammenschnitt des WM-Halbfinalspieles Deutschland – Italien von 1970 zujubeln, der ihnen auf großen Leinwänden gezeigt wird? Bloß weil drüben in Deutschland die heroische 3:4-Niederlage unter Fans knapp hinter dem hier zu Lande vollends unbekannten Finale von Bern rangiert? Und bloß weil oben auf der Tribüne plötzlich ein bescheidener, kleiner, bärtiger Mann erscheint und daneben ein Lockenkopf mit großen Händen?

Der „Bomber“ Gerd Müller und die Torwartlegende Sepp Maier wirken verloren in dem Rummel um sie herum. Was sein Geheimnis gewesen sei als Torjäger, soll der Müller Gerd ins Mikrofon sagen, und er sagt einen derart vernünftigen Satz, dass er von weiteren Fragen dann erst mal verschont wird: „Mei, i bin halt schneller gwesen als die anderen.“

Nur einmal, einen Tag vorher in der Abenddämmerung drunten auf dem Rasen des Aztekenstadions, sind die zwei am richtigen Ort gewesen. In dem riesigen Oval, in dem 1970 jene Szenen stattgefunden haben, die auch auf der Stadionleinwand noch einmal gezeigt werden. Da hat der Maier Sepp den mexikanischen Schiedsrichter noch einmal mörderisch verflucht, wie der uns damals beschissen hat! Und dann hat er sich ins Tor gestellt und der Stoiber, der außer einem fanatischen Tag-und-Nacht-Politiker ein noch viel fanatischerer Fußballfan ist, der Stoiber hat gerufen: „Sepp, geh’ her!“, und der Sepp hat seine feinen hellen Hosen bis zum Knie aufgekrempelt und zurückgerufen: „Jetzt schmeiß’ ich mi!“, und dann hat der Stoiber vom Elfmeterpunkt aus rechts ins Eck geknallt, aber der Maier hat sich geschmissen und hat gehalten. Das war der Moment, in dem der Maier, der Müller und der Stoiber auf einmal 35 Jahre jünger ausgeschaut haben.

Aber der schönste Moment der Reise war doch der, als Arnold Schwarzenegger ihn darauf angesprochen hat, wie das denn eigentlich mit der nächsten Kanzlerkandidatur steht. Eine politisch unkorrekte, aber treffende Antwort wäre gewesen: „So ähnlich wie bei Ihnen mit der nächsten Präsidentschaftskandidatur.“ Der Terminator ist in Österreich geboren und nicht in den USA, deshalb versperrt ihm vorläufig die amerikanische Verfassung den Weg nach ganz oben. Aber Stoiber ist vermutlich politisch korrekt geblieben. „Vermutlich“ deshalb, weil er seine Antwort nicht verraten will. Er lächelt bloß schon wieder dieses zufriedene Lächeln. „Ich sage nur: Er wünscht mir alles Gute!“

Somit hat sich Edmund Stoiber zum Schluss auch noch gut selbst verkauft.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar