Zeitung Heute : Jörg Schönbohm?

Frank Jansen

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Jörg Schönbohm (CDU) könnte nach der Wahl vielleicht Bundesverteidigungsminister werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Der Verteidigungsminister ist längst auch eine Art Schattenaußenminister – mit ihren Auslandseinsätzen ist die Bundeswehr ein außenpolitisches Instrument geworden. Dabei kann der Verteidigungsminister aber auch rasch in prekäre Situationen geraten: Die Bundeswehr hat in Afghanistan bereits vier Soldaten bei einem Anschlag verloren.

AMBITIONEN: Schönbohm hat bewiesen, dass er größeren Herausforderungen nicht aus dem Weg geht. Nach der Wiedervereinigung löste er als Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost die Nationale Volksarmee auf. Und er traute sich zu, nach einem halben Leben in der Bundeswehr in die Politik zu wechseln. Aber auch als Berliner Innensenator und jetzt als Innenminister von Brandenburg hat er das Auftreten eines preußisch anmutenden Generals konserviert. Das Amt des Verteidigungsministers wäre für ihn die Krönung seiner Laufbahn.

AUSSICHTEN: Bis Ende Juli schien es klar zu sein, dass Schönbohm den Posten bekommt. Als langjähriger Offizier, ehemaliger Heeresinspekteur und Ex-Staatssekretär im Verteidigungsministerium ist er der Unionspolitiker mit der größten fachlichen Kompetenz. Doch im August machte er sich mit einem Tagesspiegel-Interview zahlreiche Feinde. Nach dem Fund neun getöteter Babys in Ostbrandenburg nannte Schönbohm die von der SED erzwungene Proletarisierung als eine wesentliche Ursache für Gewalt und Verwahrlosung in ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Dort hörten viele nur das Wort „Proletarisierung“ und gerieten in Wut. Inzwischen ist die Hysterie verebbt. Doch CDU-intern werden Schönbohms Chancen auf das Ministeramt nur noch mit 30 Prozent beziffert.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Dennoch könnte er es bei einem schwarz-gelben Wahlsieg schaffen – weil das Amt bei Union und FDP sonst niemand unbedingt haben möchte. Käme es aber zu einer großen Koalition, bliebe wohl Peter Struck im Amt.

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