Zeitung Heute : Joern Poetzl schlägt Türen zu, brät Spiegeleier und lässt Tankstellen explodieren

Andreas Krieger

Im Zeitalter von Dolby-Surround-Kinos sind es nicht allein Bilder, Dialoge und Musik, sondern vor allem Geräusche, die einen Film zum Erlebnis werden lassenAndreas Krieger

Ein jüngerer Mann mit irrem Blick betritt eine Küche und schließt einen Toaster an die Steckdose. Im Badezimmer nebenan liegt eine Frau ahnungslos in der Wanne. Prüfend hält der Mann seine Finger über das Gerät, bis es endlich vor Hitze klirrt. Mit dem Gerät in Händen tappt er zum Badezimmer und öffnet die quietschende Tür. Die Frau sieht ihn, erschrickt. Hektisch wirft der Mann den Toaster in die Wanne. Das Wasser zischt, die Frau steht unter Strom. Erst schreit und zappelt sie noch, dann geht sie langsam unter. Tot.

Mord in einem deutschen Kinofilm. Und so funktioniert das: Ein älterer Mann mit konzentriertem Blick scharrt mit seinen Schuhen auf einem kleinen Holzquadrat. Joern Poetzl drückt zwei Plastikstecker ineinander und plätschert dann mit beiden Händen in einem Waschbecken. Prüfend hält der 56 Jahre alte Geräuschemacher sein Mikrofon über einen Toaster. Weil das verdammte Teil aber nicht klirren will, führt er einen Draht in den Schlitz und rüttelt ihn hin und her. Poetzl zieht an einer Tür, die an der Wand seines Aufnahmestudios befestigt ist und nur einen Sinn erfüllt: heftig zu quietschen. Wieder plätschert Poetzl mit seinen Händen im Wasser. Schließlich drückt er ein glühendes Eisen ins Becken und wartet, bis es ausgezischt hat. Blubb. Blubb.

Geräuschemacher Joern Poetzl arbeitet an einer Szene von "Der Krieger und die Kaiserin", dem neuen Film von Tom Tykwer ("Lola rennt"). "Hast du den Toaster auch wirklich nur hauchfein drunter gelegt?", fragt Poetzl seinen Tonmeister Philipp Sellier, der das eben aufgenommene Tonband abfährt. Poetzl lauscht kritisch. "Der Toaster ist okay", grummelt er. "Aber die Tür muss anders klingen; so dass ich sie gerade noch ahnen kann", belehrt Poetzl seinen Techniker. "Eine Badezimmertür ist schließlich keine Haustür. Ich will nur ein ganz zartes Wummms hören." Und weil Poetzl nicht zufrieden ist, wird die Aufnahme sechs Mal wiederholt. "Das klingt doch jetzt schön?", freut sich Sellier, als die perfekte Badezimmertür auf Band ist. "Ja: schön!", bestätigt Poetzl und macht etwas, was er nur selten tut: Er lächelt.

"Wer Kunst und Künstler liebt, lehnt Tonfilm ab!", steht auf einem Plakat des deutschen Musikerverbandes aus den 1930er Jahren, das sich Poetzl an die Tür des Mischpult-Raums gehängt hat. Diese Ära ist lange vorbei: Im Zeitalter von Dolby-Surround-Kinos sind es nicht allein Bilder, Dialoge und Musik, sondern vor allem Geräusche, die einen Film zum Erlebnis werden lassen. Kinobesucher wollen was auf die Ohren. "Die finden es geil, wenn sie hören, wie eine Maschinenpistole durchgeladen wird oder eine Handschelle klickt", weiß Poetzl. "Da darf ich nicht mit seichten Tönen kommen."

Die Ironie seines Berufes besteht darin, dass ein Geräuschmacher, der gute Arbeit leistet, aus dem Bewusstsein der Zuschauer verschwindet, weil diese glauben, die Geräusche seien alle live vor Ort aufgenommen. Und so ist Joern Poetzl ein Unbekannter geblieben, obwohl seine Arbeit in aller Ohr ist. "Anatomie", "23", "Aimée & Jaguar", "Lola rennt", "Comedian Harmonists", "Rossini" - die Liste mit Poetzl-Geräuschen liest sich wie die Erfolgsgeschichte des jüngeren deutschen Films. Poetzl, der auch international als Virtuose seiner Branche gilt, von der Steuerbehörde als Künstler anerkannt wird und Urheberrecht auf seine Geräusche hat, ist einer von bundesweit nur zehn ernstzunehmenden Geräuschemachern - und damit sehr gefragt. Schließlich kommt heute kein Film mehr ohne akustische Nachbereitung aus.

Vor allem Dreharbeiten im Freien sind schwierig: Da ist eine Szene fast im Kasten, und dann brummt ein Aggregat, hupt ein Auto oder ein Düsenflieger braust über den Drehort. Die Tonspur ist unbrauchbar, ein Geräuschemacher muss ran. Trotz modernster Studiotechnik stellt Poetzl die meisten Geräusche immer noch per Hand- und Fußarbeit her. Sein doppelgaragengroßes Studio in München, dessen Frontseite von einer Kinoleinwand eingenommen wird, sieht aus wie ein Hobbykeller, der seit Jahrzehnten nicht ausgemistet wurde. Türklinken, Stühle, Regenschirme, Holzstücke, Lampen, Werkzeugkästen, Telefone, Gläser und tausend weitere Kleinteile, die man sonst nur auf der Müllkippe oder im Straßengraben findet, hat Poetzl zusammengetragen.

Seit drei Jahrzehnten sammelt Poetzl Geräusche - genauer gesagt: Gegenstände, die Geräusche machen. "Alles, was Krach macht, reiße ich mir unter den Nagel. Wenn ich ein Kind mit einem Puppenwagen sehe, der schön quietscht, dann warte ich, bis es einen Moment wegguckt - und schwupps, schon habe ich den Wagen", grinst Poetzl. "Mittlerweile besitze ich so viele Gegenstände, dass ich den Überblick verliere. So ist die größte Herausforderung, dass ich jedes Geräusch schnell wiederfinde." Und schnell soll es immer gehen. Für einen Kinofilm mit Überlänge wie "Der Krieger und die Kaiserin" hat Poetzl lediglich zehn Tage Zeit. Er muss im Schnitt täglich rund 20 Minuten vertonen. Obwohl seine Arbeit körperlich anstrengend ist, kommt Poetzl nur bei komplexen Geräuschen ins Schwitzen: "Scheinbar banale Schritte können wahnsinnig schwierig sein. Wenn jemand zum Beispiel eine Treppe hinunterhüpft." Um Gangarten zu imitieren, reicht es nicht, einfach nur mit Schuhen auf den Boden zu klopfen. "Ich muss genau hinschauen, welche Laune jemand hat. Das wirkt sich auf den Schritt aus. Wenn einer zornig ist, läuft er anders, als einer, der fröhlich pfeifend über eine Wiese spaziert."

Schritte imitiert Poetzl individuell. Für Feuerwerks-, Motoren- oder Aufzugsgeräusche greift er dagegen schon mal auf die Konserve zurück. So steht im Tontechniker-Raum neben Mischpult und Bandmaschine auch ein großer Computer. "Wenn wir ein tolles Geräusch aufgenommen haben, spielen wir es da rein. Warum soll ich zum Beispiel jedes Mal eine neue Glasscheibe zerdeppern?" Solche Arbeitserleichterungen gab es nicht, als Joern Poetzl vor 35 Jahren zum Film ging. Eigentlich wollte er Tonmeister werden. Doch es war die Zeit, als das deutsche Fernsehen erstmals in Massen US-Serien einkaufte, die synchronisiert und vertont werden mussten, und so wurde Poetzl gefragt, ob er nicht Geräuschemacher werden wolle. Ein Jahr lang guckte er einem älteren Kollegen auf die Finger. "Die besten Tricks musste ich selbst rausfinden. Und es dauert sehr, sehr lange, bis man anständig Geräusche machen kann."

Zwanzig Jahre arbeitete Poetzl in Leo Kirchs Produktionsfirma Beta. 600 Folgen von "Bonanza", 600 Folgen "Big Valley", 600 Folgen "Waltons" hat er vertont. "Das war Fabrikarbeit. Immer dieselben Geräusche. Mit Kunst hatte das nichts zu tun." Poetzl gab sich damit nicht zufrieden, erarbeitete sich einen Namen und machte sich 1989 mit seiner Firma "Solid Sound" selbstständig. Ins Kino geht Poetzl höchstens, wenn einer "seiner" Filme Premiere hat.

Zu den kniffligsten Geräuschen zählt das Braten eines Spiegeleis. Wie er das macht, verrät Poetzl nicht mal seinen Freunden. Kindereinfach sind dagegen Explosionen. In einer Szene von "Der Kaiser und die Kriegerin" fliegt eine Tankstelle in die Luft. "Dafür brauche ich nur ein bisschen ins Mikro zu blasen." Als Poetzl mit den Lippen knallt, klingt das, als würde die Erde zerbersten.

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