Zeitung Heute : Johanne und Gernot Nalbach im Gespräch: "Die Halbwertzeit des Potsdamer Platzes beträgt zehn Jahre"

Mit dem Spree-Dreieck[unmittelbar neben dem Bahnh]

Nalbach + Nalbach = vier Jahrzehnte Produktivität. So lange gehen die Architekten Johanne und Gernot Nalbach privat und beruflich gemeinsame Wege. Eine ihrer bekanntesten Berliner Bauten ist die Bundespressekonferenz. Auch mit städtebaulichen Konzepten setzten sich die beiden durch: Sie gewannen den Wettbewerb für das Areal rund um das Spree-Dreieck. An diesem vielleicht letzten Filetgrundstück in Berlin-Mitte plädieren sie für den Bau eines Lichtdoms und gegen die Errichtung eines Turmhauses.

Mit dem Spree-Dreieck, unmittelbar neben dem Bahnhof Friedrichstraße, steht eines der letzten Filetgrundstücke in Mitte vor der Bebauung. Sechs Star-Architekten haben Entwürfe dazu vorgelegt. Sie haben als Einziger keinen Turm vorgeschlagen, sondern einen Block. Warum dieser Streich?

Wir haben uns erlaubt, die allgemeine Sehnsucht nach Hochhäusern in Berlin auf unsere Weise zu bedienen, durch einen Lichtdom. Er ragt nachts aus dem Gebäude in den Berliner Himmel empor. Unser Gebäudekörper ist aber kein Block, sondern ein Solitär. Wir haben auf ein konventionelles Hochhaus verzichtet, weil wir uns an das Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbes für dieses Areal halten wollten, den wir 1992 gewonnen hatten. Ein weiterer Grund liegt darin, dass wir mit unserem Beitrag das aktuelle Planwerk Berlin Mitte unterstützen. Das kam zu ähnlichen Auffassungen für diesen Bauplatz wie der städtebauliche Plan.

Allerdings gehen Sie als einzige eigene Wege. Die anderen Architekten verneigen sich vor dem Entwurf von Mies für diesen Ort. Wollten Sie dessen legendären gläsernen Turm nicht den gebührenden Respekt erweisen?

Unserer Kenntnis nach lieferte Mies van der Rohe in den zwanziger Jahren seinen Entwurf im Rahmen des Wettbewerbes "Schrei nach dem Turmhaus" ab. Damals kam sein Entwurf nicht in die Wertung und wurde von der Presse leider nicht bemerkt. Erst nach der Emigration von Mies nach Amerika im Jahr 1938 begann die Legendenbildung um sein Hochhaus. Doch um dem großen Meister Respekt zu zollen, darf man ihn unseres Erarchtens weder kopieren noch variieren, sondern bestenfalls zitieren.

Mit Ihrem Entwurf bedienen Sie auch nicht die Begehrlichkeiten des Kapitals. Mit ihrem Solitären können die Planer weniger Nutzfläche auf die Grundstücksfläche bringen. Das verringert die Erträge und dürfte die Immobilien-Kaufleute enttäuschen...

Angesichts von weit über einer Million Quadratmeter nicht vermietbarer Bürofläche in Berlin und anbetracht von weit über 100 000 leer stehender Wohnungen erweisen wir dem Kapital und somit der Immobilienwirtschaft einen guten Dienst. Denn Hochhäuser sollte man nur dort entwickeln, wo sie hingehören. An den Alexanderplatz zum Beispiel. Auch dürfte die unmittelbare Umgebung des Bauplatzes am Spree-Dreieck davon profitieren, denn sie wird bei unserem Vorschlag nicht von einem Hochhaus buchstäblich in den Schatten gestellt. Außerdem dürfte sich der dramatische städtebauliche Entwurf der Parlamentschiene von Schultes kaum mit einem Hochhaus an seinem Endpunkt zufrieden geben. Schultes Entwurf zielt nicht auf maximale Höhe, sondern spannt ein kräftiges lineares Band.

Nun machen Kritiker dem Architekten aber gerade das zum Vorwurf. Jetzt, wo das ganze in Beton gegossen ist, wirkt Schultes Entwurf monumental und zum Teil klobig. Liegt das nicht daran, dass man zuviel Dichte auf vergleichsweise ebene Fläche ausgepresst hat?

Sicher, es gibt dieses Problem der großen Dichte. Und das darf auch nicht überspringen auf den Bauplatz Spree-Dreieck. Dann würde dieser Ort unerträglich für den Flaneur. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, das Spree-Dreieck eine zeitlang nicht zu bebauen, damit wieder Lebensraum für den Bürger entsteht. So würde ein Ort für den Aufenthalt geschaffen, mit Spree-Blick. Dieser Platz wäre auch ein angemessener Eingangsbereich in die Stadt für eintreffende Bahnreisende.

Die Zeiten haben sich geändert. Der Flaneur ist ein Konsument und Bahnhöfe sind Shopping-Mals. Die Menschen halten sich nicht auf den Straßen, sondern in den Häusern auf, vorzugsweise in Trend-Shops und Cinemaxen. Verweilen und Kontemplieren ist out, vorbeifliegen auf Inline-Scatern in. Hinken Sie Ihrer Zeit nicht hinterher?

Das Gegenteil ist der Fall, denn wir denken an die Zukunft. Der belebte Stadtraum mit seinen Straßen und öffentlichen Plätzen war seit jeher das Merkmal der europäischen Stadt. Wenn wir die Zeichen der Zeit richtig interpretieren, wird dieser Typus künftig mehr gefragt denn je. Wir sind vor kurzem in die USA gereist und haben dort festgestellt, dass selbst die Amerikaner nun von den unseeligen Malls ablassen, um die Städte wieder mit Leben zu erfüllen. Sie legen breite Boulevards an und orientieren die Geschäfte zu den Fußwegen und nicht mehr in die Atrien hinein, wie beim Sony-Center oder den Potsdamer Platz Arcaden in Berlin.

Doch gerade Sony-Center und Potsdamer Platz haben die Vision der Europäischen Stadt hinter sich gelassen und mit der überdachten Mall ein amerikanisches Modell im Herzen Berlins platziert und zwar offenbar mit großem Erfolg...

Gewiss, aber das Verfallsdatum spektakulärer städtebaulicher Zitate, in diesem Fall also amerikanischer Verhältnisse, wird immer kürzer. Ich gebe dem Sony-Center zehn Jahre. Dann kommt die Abrissbirne und der Esplanade-Altbau mit dem Kaisersaal wird wieder an seinen ursprünglichen Platz zurückgeschoben. Dass überhaupt damit angefangen wurde, Teile einer gewachsenen Stadt für 50 Millionen Mark zu verschieben, nur damit sie den neuen Entwurf angepasst werden konnten, ist eine nicht ungefährliche Geschichtsverfälschung. Normalerweise läuft es umgekehrt. Stadtplaner respektieren die Fragmente der gewachsenenen Stadt und passen Neubauten an den Bestand an.

Sie schätzen also Ihren Kollegen Helmut Jahn nicht sonderlich?

Ich kenne Helmut Jahn ganz gut und schätze ihn eher als Person. Mir sind die städtebaulichen Beiträge eines Hans Kollhoffs allerdings lieber. Wenn in 20 Jahren etwas Patina über den Neubauten liegt, wird man bei Kollhoffs Bauten glauben, sie seien schon immer dagewesen. Dagegen liegt das Riesenproblem amerikanischer Architektur wie der von Jahn darin, dass sie mit ihrem vielen Glitzerglas und Chromprofilen nicht altern kann. Deshalb wird sie auch niemals Teil einer Stadt, sie bleibt immer fremd. Wer will aber schon immer fremd bleiben? Dagegen wird die Materialität von Ziegel oder Sandstein ganz selbstverständlich in die Stadt integriert. Darin liegt auch das Kennzeichen der europäischen Stadt. Struktur und Materialität ist wichtiger als Fassade. Dies gilt auch für den Pariser Platz. Weil er in eine klare Form gefasst ist, erträgt er unterschiedlichste Architekturen, die meisten aus Stein und eine aus Glas. Die Struktur stützt die Vielfalt und erlaubt unterschiedliche Fassungen. Das Planwerk verdeutlicht, dass die Struktur aus Straßen und Plätzen das Gedächtnis der Stadt sind.

Aber das Gedächtnis hat gewaltige Lücken, besonders im Ostteil der Stadt. Als sie dort nach der Vereinigung gefüllt wurden, sprengten kolossale Blöcke wie das Lindencorso den aus dem 19. Jahrhundert abgeleiteten und so legitimierten Stadtentwurf.

Das ist ein richtiger Einwand. Aber die Antwort ist folgende. Wenn sich der Bodenpreis spekulativ entwickeln und unbegrenzt nach oben steigen kann, darf man sich nicht wundern, dass Investoren mit großer Dichte auf ihre Rechnung kommen wollen. Schuld an der Misere hat nicht der Bauherr, sondern die Politik. Sie müsste die Bodenpreise in sensiblen Gebieten unten halten, damit eine optimale und nicht eine maximale Ausnutzung des Grundstücks erfolgt.

Also geht es nicht so sehr um eine ästhetische sondern eher um eine ökonomische Debatte?

Genau. Man müsste die Senatsverwaltungen für Finanzen und Stadtentwicklung zu einer Zusammenarbeit verpflichten, damit eine maßvolle Städtebaupolitik möglich wird. Daran fehlt es zur Zeit. Was nutzt der beste Masterplan, wenn der Finanzsenator die höchsten Preise für seine Grundstücke erlösen will? Das ist falsch, denn beim Städtebau sollte jeder eine Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft eingehen und nicht nur seine Eigeninteressen durchsetzen.

Verhalten sich die Politiker in so genannten sozialistischen Ländern anders?

Unsere Erfahrungen im asiatischen Raum sind zwiespältig. Einerseits erwartet die Einheitspartei in Malaysia amerikanische Stadt-Silhouetten und will nicht die im Land vorgefundenen städtebaulichen Strukturen weiter entwickeln. In Malaysia sind drei geschossige Häuser in dichter Bauweise üblich und für diesen Bautyp könnten Architekten moderne Entwürfe entwickeln. Die Chinesen dagegen halten in einigen Provinzen zunächst an einer Weiterentwicklung ihrer derzeitigen Strukturen fest. Die Häuser sind zu einem Innenhof orientiert. Zur Straße präsentieren sich die Fassaden eher geschlossen. Wir arbeiten auch in China und werden diese Art der Raum- und Platzbildung weiterentwickeln, um zu einem neuen Ausdruck chinesischen Städtebaus zu kommen, ohne die Identität des Ortes zu opfern.

Das Ziel ist also eine Weiterentwicklung des regionalen Bautyps?

Ja, und überall, wo die Politiker dieses Ziel verfolgen, behalten die Städte ihre Anziehungskraft. Das ist auch finanziell vorteilhaft, denn sie profitieren vom Tourismus. Beispiele dafür sind Wien, das sich im Kern sehr gut entwickelt. Dasselbe gilt für Warschau oder Mailand. Natürlich haben auch diese Städte Probleme mit ihrer teilweise unkontrolliert wachsenden Peripherie. Aber aus dieser Erfahrung lernen wir, dass unser Beitrag im asiatischen Raum darin bestehen muss, den Asiaten zu empfehlen, ihre eigene Identität zu bewahren und weiterzuentwickeln. Sonst werden die neu gebauten Städte wie der Potsdamer Platz einem kurzen Verfallsdatum anheimfallen.

Der Potsdamer Platz als Paradebeispiel für Fehlplanung, sind Sie ein Hochhaus-Gegner?

An und für sich nicht. Wir planen derzeit selbst ein Hochhaus in zentraler Lage in Dortmund. Doch dort passt es hin, denn es steht in der Nachbarschaft von drei anderen Türmen und bildet mit ihnen ein Ensemble. Auch an den Alexanderplatz passen Hochhäuser hin. Oder nach Kuala Lumpur in Malaysia. Aber ich will versuchen, es an einer Analogie deutlich zu machen. In Malaysia genehmigt der Verteidigungsminister Hochhäuser mit mehr als 100 Metern. Der Präsident hat ein Mitspracherecht und zwar darüber, ob die Türme aus Glas oder Stein sind. So verhindert der Präsident, dass die Türme Sonnenstrahlen auf seinen Palast lenken. So unterschiedlich sind die Interessen. Der eine, Hans Stimmann, entscheidet aus persönlicher Überzeugung, der andere, der Malaysische Präsident, aus persönlichen Motiven. Seit der Internationalen Bauausstellung 1987 ist das Planwerk Innenstadt die beste städtebauliche Lösung. Die Rückgewinnung von Straßen- und Platzräumen und die Trennung von Privat, halböffentlich und öffentlich, überzeugen auch die Menschen in Asien und in den USA. Planwerke sind eine bessere Lösung, als die Städte der persönlichen Willkür Einzelner zu überlassen, nur weil sie das dazu nötige Geld haben.

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