Zeitung Heute : Johannes Rau in Sebnitz: Versuch einer Versöhnung

Bundespräsident Johannes Rau hatte am Dienstag eine schwierige Mission: Er wollte in der in Verruf geratenen Stadt Sebnitz ein Signal gegen Vorverurteilung setzen und für Vertrauen werben. Seit dem 23. November ist in dem kleinen sächsischen Ort nichts mehr, wie es einmal war. An jenem Tag erschienen die Schlagzeilen vom Neonazi-Mord an dem kleinen Joseph.

Das Kind einer deutsch-irakischen Familie war im Juni 1997 unter ungeklärten Umständen im Sebnitzer Freibad ertrunken. Die Eltern glaubten der Version vom Badeunfall nicht und stellten eigene Ermittlungen an. Sie führten Zeugen im Kindesalter an, die ihren schwerwiegenden Vorwurf zunächst bestätigten: Der sechsjährige Joseph sollte unter den Augen vieler Badegäste von 50 Rechtsextremen ertränkt worden sein. Eine ganze Stadt habe weggeschaut, hieß es.

Für die Einwohner von Sebnitz brachen Welten zusammen. Im Internet-Gästebuch der Stadt häuften sich kritische Stimmen aber auch wüste Beschimpfungen. Der Ruf der Stadt schien ruiniert, auch wenn die Ermittlungen der Polizei zum "Fall Joseph" keine Erkenntnisse für eine Straftat erbrachten. Zeitweilig waren drei junge Menschen als Tatverdächtige festgesetzt worden. Die Vorwürfe gegen sie erwiesen sich als haltlos.

Von Rau war nun Feingefühl gefragt. Nach einer Unterredung mit Vertretern der Stadt traf er zu "vertraulichen Gesprächen" mit der Familie Josephs und den drei jungen Menschen zusammen, die zu Unrecht der grausamen Tat verdächtigt worden waren. Er sei tief bewegt über den Schmerz der Familie, die ihren Sohn verloren hat, sagte der Bundespräsident. Er sei aber auch bewegt, wie eine Beschuldigung drei junge Menschen geschmerzt habe.

Rau mahnte die Medien zum behutsamen Umgang mit solchem Geschehen. Ihm sei klar geworden, wie schnell Gerüchte zu Vorverurteilungen und Vorurteilen werden könnten. Er könne nur darum bitten, dass sich einige Medienvertreter bei der Stadt Sebnitz entschuldigen. Die Bewohner hätten ein Recht darauf.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!