Zeitung Heute : Johanniskraut im Stimmungstief

Der Tagesspiegel

Von Hartmut Wewetzer

Herrgottsblut, Teufelsfluchtkraut, Mariabettstroh, Elfenblut – schon die Namen, die dem Johanniskraut vom Volksmund gegeben worden sind, verbreiten eine mystische Aura. Durch seine Blätter soll das Johanniskraut die Kraft der Sonne aufnehmen und in seinem blutroten Saft speichern. Einer anderen Legende zufolge soll die Pflanze aus dem Blut Johannes des Täufers entstanden sein.

Als Balsam für die Seele erfreut sich Johanniskraut hierzulande mehr denn je großer Beliebtheit. Häufiger als jedes andere Mittel wird die „grüne Psychodroge“ (so der „Spiegel“) eingenommen, um düstere Gemütslagen aufzuhellen. Aber mehr und mehr ziehen sich über dem Heilgewächs selbst Wolken zusammen. Aufsehen erregte, dass das frei verkäufliche Mittel die Wirkung anderer Arzneien deutlich schwächen kann. Und jetzt hat eine große amerikanische Studie belegt, dass es mit der Wirksamkeit von Hypericum perforatum – so der lateinische Name des Johanniskrauts – bei Depressionen offenbar nicht so weit her ist wie bisher gedacht.

Die im Fachblatt „Jama“ erschienene Studie (wie bereits kurz berichtet) ist die nach Bekunden der Autoren bisher gründlichste Untersuchung zu Johanniskraut. Die Ärzte der Duke-Universität in Durham im US-Bundesstaat North Carolina verglichen Johanniskraut-Extrakt des Berliner Herstellers Lichtwer mit dem „synthetischen“ Antidepressivum Sertralin der US-Firma Pfizer und mit wirkstofffreiem Scheinmedikament (siehe Infokasten).

Das überraschende Ergebnis nach acht Wochen: Weder Johanniskraut noch Sertralin waren der Behandlung mit einem Scheinmedikament überlegen. Bei jedem zweiten Kranken schlugen die Arzneien an, bei jedem vierten führten sie sogar zu einem Verschwinden der Krankheitszeichen – egal, welches Medikament sie einnahmen.

Lediglich in bestimmten Zusatzuntersuchungen der Patienten stellte sich heraus, dass Sertralin besser als Johanniskraut und Placebo abschnitt. Unter dem Strich kann das aber nur als leichtes Plus gewertet werden. Auf jeden Fall zeigt die Studie, wie wichtig die „Droge Arzt“ bei der Behandlung von Depressionen ist. Gleich, ob es sich um das preiswerte Johanniskraut oder ein teures neuartiges Mittel wie Sertralin handelt – die Überzeugungskraft des Arztes wirkt nicht selten Wunder.

Die Mediziner behandelten Patienten mit einer weit verbreiteten Form der Melancholie, im Amerikanischen als „Major Depression“ bezeichnet. Allein in den USA sollen rund zehn Millionen der über 18-Jährigen an ihr leiden. Der Schweregrad der Niedergeschlagenheit wurde anhand eines Fragebogens ermittelt, dabei wurden etwa akut Selbstmordgefährdete ausgeschlossen. Die meisten Patienten litten unter einer „moderaten“, aber durchaus ernstzunehmenden Depression.

Welche Schlüsse lassen sich aus der Studie ziehen? Die Wissenschaftler selbst plädieren dafür, bei Ausbruch einer Depression einen professionellen Helfer, einen Arzt oder Therapeuten, aufzusuchen und nicht etwa zu versuchen, sich selbst zu kurieren. Denn den Beweis der Wirksamkeit sei Johanniskraut bisher schuldig geblieben. Allerdings sind auch „künstliche“ Mittel gegen Depressionen nicht immer effektiv. Und sie haben mitunter unangenehme Nebenwirkungen.

Dass Hypericum perforatum andererseits kein nebenwirkungsfreies Wundermittel aus der Natur-Apotheke ist, haben schon Studien gezeigt, nach denen das Heilkraut Aids-, Herz- und Immunmittel abschwächt. Nutzen und Risiken – auch bei Johanniskraut muss beides bedacht werden.

Die Studie im Internet:

www.jama.org

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