John McCain : Der Heilige und der Zorn

„All den Typen in Washington, die nichts tun und die ihre persönlichen Interessen über die des Landes stellen“, droht er: „Da wird sich was ändern!“ John McCain kann sogar ihren amtierenden Präsidenten kritisieren, die Republikaner beim Nominierungsparteitag jubeln ihm dennoch zu. Vielleicht aus Ignoranz.

Christoph Marschall[St. Paul (Minnesota)]
john mccain
Nah ran. John McCain redet am liebsten im intimen Rahmen. -Foto: dpa

Als die Luftballons in den Nationalfarben blau, weiß und rot auf ihn herunterregnen, als die Fahne, die während seiner 45-minütigen Rede als Hintergrundbild geweht hatte, gleißendem Feuerwerk weicht, und als ihn seine Frau Cindy auf der Bühne umarmt, was mag da in seinem Kopf vorgehen: Fragt er sich gerade, ob der Triumph ein wenig bitter schmeckt, wenn er so spät kommt? Womöglich zu spät?

Vor acht Jahren wäre der bessere Zeitpunkt gewesen. Doch 2000 war ihm George W. Bush zuvorgekommen. Die Nominierung zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten entglitt John McCain damals wegen ziemlich schmutziger Tricks unbekannter Urheber. Er habe ein uneheliches schwarzes Kind gezeugt, stand auf anonymen, im Südstaat South Carolina kursierenden Flugblättern. Das reichte.

McCain hat tatsächlich ein dunkelhäutiges Kind, seine Adoptivtochter Bridget. Ehefrau Cindy hatte sie aus einem Waisenheim in Bangladesch mitgebracht. Beim Parteitag damals musste er zusehen, wie der außenpolitisch unerfahrene Bush nominiert wurde – und dazu noch eine Lobrede auf ihn halten.

Jetzt sitzt ihm Bush wieder im Nacken und droht ihm mit der enttäuschenden Bilanz seiner zwei Amtszeiten auch die allerletzte Chance zu nehmen. Doch für den Moment steht er diesmal oben auf der Bühne und die Delegierten jubeln ihm zu. Die letzten Sätze seiner Rede sind im aufbrausenden Beifall untergegangen. Die Delegierten schwenken Schilder mit der Aufschrift „McCain / Palin“ und „Country First“ über den Köpfen. Durch die Lücken in diesem wogenden Pappwald ist gerade noch auszumachen, wie McCain entschlossen die Fäuste ballt und nach vorne reißt. Es wirkt hölzern. Über den Kopf kann er die Arme schon lange nicht mehr heben, nicht einmal über Schulterhöhe. Das liegt nicht an seinem Alter. Es ist eine Folge der Knochenbrüche, die in den fünf Jahren Kriegsgefangenschaft in Nordvietnam nicht richtig versorgt wurden.

Die körperlichen Einschränkungen behindern seine Wirkung als Redner. Das war bereits unübersehbar, als er am Donnerstagabend um 21 Uhr 15 Ortszeit in St. Paul auf die Bühne kam – als Höhepunkt des viertägigen Nominierungsparteitags. Noch bevor er ein Wort gesprochen hatte, wollte das Klatschen und Johlen nicht verstummen. Aber John McCain ist es versagt, eine ganze Konferenzhalle mit einer gebieterischen Handbewegung zum Schweigen zu bringen. Er kann nur immer wieder „thank you“ und „my friends“ ins Mikrofon rufen, bis sie ihn endlich reden lassen.

Und diesmal darf er über seinen Widersacher herziehen, genauer: über zwei. Freilich erst nach einer höflichen Aufwärmphase, in der McCain seine Familie lobt und für die Kraft dankt, die ihm seine Frau gibt. Es folgt eine rhetorische Verbeugung vor dem demokratischen Rivalen: „Senator Obama, Sie haben meinen Respekt. Wir sind beide Amerikaner, das verbindet uns.“ Es ist die Überleitung zur Attacke. „Meine Freunde, ich bewundere Senator Obama für seine Erfolge. Aber lasst keinen Zweifel zu: Wir werden diese Wahl gewinnen!“ Der Gegner verfolge Ziele, die Amerika zugrunde richten – Steuererhöhungen, die die Wirtschaft abwürgen; eine Ausweitung des Staates und der Bürokratie, die den Bürgern die Freiheit nimmt und die Schuldenlast in die Höhe treibe. Der Saal quittiert jede dieser Anklagen entweder mit einem langen, tiefen „Buuuuh!“ Oder die Menge skandiert: „Zero, zero, zero“ – Obama sei eine Null.

Daneben aber kritisiert McCain, wenngleich versteckt, den Amtsinhaber und das Erbe, das er hinterlässt. Die Delegierten beklatschen auch diese Passagen laut. Bemerken sie nicht, dass hier einer Kritik am eigenen Präsidenten übt? Oder wie soll man es sonst verstehen, wenn McCain mit einer fast zornig anmutenden Energie Wandel und Reformen auf allen Gebieten fordert, nachdem die letzten acht Jahre ein Republikaner im Weißen Haus saß – und dann Beifall kommt?

„All den Typen in Washington, die nichts tun und die ihre persönlichen Interessen über die des Landes stellen“, droht er: „Da wird sich was ändern!“ Und schlägt zur Bekräftigung mit der Faust aufs Rednerpult. Über die Energiepolitik fällt er ein vernichtendes Urteil: „Wir müssen aufhören, Milliarden für Öl an Länder zu überweisen, die uns und unsere Demokratie nicht mögen.“ Zur Wirtschaftskrise sagt er: „Ich weiß, manche von euch fühlen sich im Stich gelassen und denken, die Regierung merkt es nicht einmal.“ Ganz fatal ist das Verdikt über die außenpolitische Lage: „Al Qaida ist nicht besiegt.“ Der Iran greift nach der Bombe. Russland ist korrupt, rücksichtslos und möchte seine Nachbarn „mit der Ölwaffe einschüchtern“.

Es ist keine geschliffene Rede. McCain spricht in einfachen, klaren Sätzen. Das fällt nun besonders auf, nicht nur im Kontrast zu Barack Obama. Am Vorabend hat der neue Nachwuchsstar der Republikaner, seine Vizekandidatin Sarah Palin, die Halle zum Kochen gebracht: mit jugendlicher Energie, mit Witz und Angriffslust. Todsicher verwandelte sie die Pointen, die ihr der Teleprompter vorgab. Auch daran wird McCain nun gemessen.

Auftritte vor mehreren tausend Menschen in riesigen Arenen sind seine Sache nicht. Gegen den Teleprompter hat er eine Abneigung. Er fühlt sich in sogenannten „Townhall Meetings“ wohler – wenn er im Rathaussaal einer Kleinstadt inmitten einiger hundert Menschen frei sprechen darf, auf Tuchfühlung.

Um ihm entgegenzukommen, hat die Regie in der Nacht zum Donnerstag die Bühne umgebaut. Bis Mittwochabend stand da ein glattes, erhöhtes Podium; die Redner hatten die Delegierten frontal vor sich. Für McCain wurde in der Mitte der Bühne ein Laufsteg aufgebaut, der sich wie eine Zunge bis mitten in die ersten Reihen hinein erstreckt. Ganz vorn auf der Zungenspitze steht sein Rednerpult, so hat er die Zuhörer um sich. Eine Annäherung ans Townhall-Gefühl.

Im Mittelpunkt des Abends steht seine Leidengeschichte. An die hundert Mal haben die Delegierten sie in den letzten drei Tagen gehört. Kein Redner ließ sie aus. Sie ist der Kern der McCain-Saga. Der Film, mit dem er als Hauptredner eingeführt wird, zeigt noch einmal die Bilder, die hier jeder kennt: vom schneidigen Absolventen, der die Marineakademie Annapolis absolvierte; vom Marineflieger, der 1967 in Vietnam abgeschossen wurde, sich mit Fallschirm aus der abstürzenden Maschine katapultierte und von zornigen Vietnamesen mit Knochenbrüchen aus einem Teich gezogen wird; und von dem körperlich gebeugten Mann mit früh ergrautem Haar, der auf Krücken, aber mit stolzem Lächeln fünf Jahre später in die USA zurückkehrt und Präsident Nixon die Hand reicht. Auch Cindy McCain, die direkt vor ihrem Mann spricht, erzählt die Legende noch einmal.

Im Vergleich zum Demokraten-Parteitag sticht die Lobhudelei bei den Republikanern besonders hervor. Auch beim politischen Gegner, eine Woche zuvor in Denver, wurden beschönigende Werbefilme über den Spitzenkandidaten und den Vize gezeigt, auch dort wurden Lobreden gehalten, die jeden kritischen Blick und jede peinliche Lebenssituation aussparten. Aber wenigstens wurde nicht gleich das Gegenteil des wahren Sachverhalts behauptet. Liegt es daran, dass Republikaner aus Idealismus ein größeres Bedürfnis nach ungebrochenen Heldengeschichten haben? Oder sind sie skrupelloser?

Cindy McCain jedenfalls schwärmt davon, was für ein liebevoller Mann, was für ein liebevoller Vater John sei – und wie die Familie jederzeit habe auf ihn rechnen können. Dabei weiß jeder im Saal, dass Cindy jahrelang medikamentenabhängig war und Arzneien ihrer Hilfsorganisation entwendete, weil John eben nicht für sie da war, als sie ihn am dringendsten brauchte.

McCains Kriegsgefangenschaft hat seit Montag jeder Redner mit dem Satz umschrieben: „Sie haben ihm die Knochen gebrochen, aber nicht seinen Geist.“ Dem widerspricht McCain, als er am Mikrofon steht. „Sie haben mich gebrochen.“ Für einen Augenblick scheint Aufrichtigkeit einzukehren. Doch das Eingeständnis menschlicher Schwäche dient nur als Überleitung. Als Überleitung hin zu einer neuen Stärke, die er seitdem habe: der Gabe der Selbstlosigkeit. Gott habe ihn mit der Kriegsgefangenschaft vor seiner Überheblichkeit gerettet. Er musste lernen, dass er von anderen abhängig ist. Kameraden in der Zelle fütterten ihn, weil er mit gebrochenen Armen nicht selbst essen konnte. „Sie retteten mein Leben.“

Das sei „der Unterschied zu meinem Gegner“, resümiert McCain. „Ich will nicht Präsident werden, weil ich mich für auserwählt halte. Sondern weil mein Land mich gerettet hat. Ich will meinem Land dienen. So wahr mir Gott helfe!“

Es ist die Kernbotschaft der Republikaner: Wir sind Patrioten, wir denken an Amerika zuerst. Und es ist die Stelle, an der McCain Bush kopiert und dessen Erfolgsrezept: Er reklamiert für sich die Definitionsmacht darüber, wer die Patrioten sind und wer nicht.

Es mag so scheinen, als käme er acht Jahre zu spät, als sei er mit 72 Jahren schon fast zu alt und als sei 2008 angesichts der verbreiteten Enttäuschung über George W. Bush ein Jahr für die Demokraten. Doch John McCain ist laut Umfragen fast gleichauf mit Barack Obama. Er sieht keinen Grund, die Wahl verloren zu geben. Wenn er am Boden lag, ist er noch immer aufgestanden – ob in Vietnam oder nach der Vorwahlniederlage 2000 gegen Bush. Er verkörpert den Glauben ans Comeback. Dafür ist es nie zu spät.

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