Zeitung Heute : Jolly

Adé Berlin

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

Flaneure finden die Friedrichstraße leicht öd. Denn sie wollen ja nicht nur gucken, sondern auch genießen. Und die Zahl der Lokale, in die man reingehen kann, um rauszugucken, hält sich leider immer noch in Grenzen. Seit einiger Zeit aber gibt es fast unmittelbar am Bahnhof Friedrichstraße eine Neugründung, die man sich notieren sollte: das Gourmetrestaurant im Jolly-Hotel Vivaldi.

In diesem Restaurant fühlt man sich wie in einer anderen, einer übergeordneten Stadt. So ein Restaurant würde auch in, sagen wir Atlanta, nicht fremd wirken. Anders als man denken sollte, macht genau das einen Teil seines Charmes aus. Man fährt zum Bahnhof Friedrichstraße und verlässt Berlin in eine unaufdringliche, neutrale Welt. Eine kleine Brücke überquert das künstlich angelegte Zierwasser, das den Abend mit sanftem Plätschern begleitet und einen kaum merklichen Chlorgeruch ausatmet. Auf dem Flügel brennen Kerzen, sanftes Piano-Spiel, live vorgetragen, mischt sich mit dem Plätschern und später dem kehligen Lachen amerikanischer Businessleute, die in der Hotelhalle ein geräuschvolles Wiedersehen feiern. Auf den mit schweren Stoffen makellos gedeckten Tischen stehen Lampen und Tulpen in silbernen Vasen; die uniformierten Kellner sind von der gleichen überörtlichen Professionalität wie die Inneneinrichtung. Aber man ruht sich nicht aus auf den Gähn-Klassikern durchschnittlicher Hotelküchen, die Karte liest sich erstaunlich frisch mit dem Rinderfilet, das unter seiner Taleggiohaube auf grünen Tomaten sitzt, oder den süß-sauren Rotbarben.

Zarte Artischocken

Erstmal gibt es Grissini und frisches Weißbrot mit Butter zu Prosecco und Campari; die Musik perlt sachte in den Fluss hinein, und das Personal versucht kein bisschen, sich anzubiedern, sondern ist ganz darauf konzentriert, zur Stelle zu sein, wenn es gebraucht wird. Herrlich. Die Weißweinkarte erscheint mir übrigens noch sehr ausbaufähig, aber das liegt wohl an der Jugend dieses Restaurants. Dafür muss man sich nicht ruinieren, sondern bekommt einen ordentlichen Sauvignon Collio aus dem Friaul für 22 Euro. Rotweine scheinen hingegen einen Fan im Haus zu haben, was sich nicht nur aus der Auswahl schließen lässt, sondern auch aus der samtigen Qualität des offenen Chianti, der in einem badewannengroßen Glas sehr angenehm präsentiert wird. Das Wasser hält sich preislich vergleichsweise in Grenzen, nur 2,80 schlappe Euro für einen viertel Liter, da ist ja fast ein Verdienstorden der Gesundheitsministerin fällig.

Mein Begleiter aus dem pragmatischen Blankenese lobte die behagliche Einrichtung und die gediegen-freundliche Atmosphäre, fragte aber, was mit den Berlinern los sei, dass es hier so leer ist, und warum man dann nicht einfach weniger Tische aufstellt, was ihm besser gefallen würde. Bevor wir das Thema vertiefen können, kommt schon der marinierte Thunfisch mit Radicchio, fleischigen Oliven und zarten Artischocken. Vielleicht hätte man den Thunfisch etwas dünner schneiden können, aber der Geschmack stimmte, hielt sich klug von allen bissigen Noten fern und passte sich in diese gelungene Kombination harmonisch ein (9,50 Euro). Perfekt gegart waren die leicht glänzenden schwarzen Tagliolini, die offensiv frischen, rosigen Meeresfrüchten eine dunkle Herberge boten und selbst die sorgfältigste Behandlung erfahren haben müssen, die man sich nur denken kann (12 Euro).

Würzige Kartoffelkruste

Vorbildlich knusprig kross in einem augenschmeichelnden Hellbraunton mit wenigen Tintenspuren und einem überraschend zarten Inneren kamen die Tintenfische in Gesellschaft fritierter Zucchiniblüten (21 Euro). Allenfalls die halbe Zitronenscheibe fand ich etwas knapp bemessen. Womöglich wäre es nicht zu viel gewesen, noch irgendeine Sauce, natürlich in einem Extragefäß, anzubieten, um das Knuspervergnügen geschmacklich wandlungsfähiger zu gestalten. Vielleicht ist aber der Umgang des Kochs mit Saucen selbst noch von Skepsis geprägt. Denn die vorzüglich saftigen Wolfsbarschfilets, über Kreuz gelegt, mit würziger Kartoffelkruste und Auberginen und Zucchinistreifen angerichtet, fanden sich auf einem hellen Saucenspiegel, der an der ganzen Kreation den am wenigsten durchsetzungsfähigen Eindruck machte (21 Euro).

Ein Traum hingegen das Dessert, bestehend aus Himbeeren und Johannisbeeren und Brombeeren mit Mandelsabayon und einem überhaupt nicht süßen, aber völlig überzeugenden satten, tiefen vanilligen Ur-Geschmack. Köstlich. (9 Euro)

Solange dieses Lokal noch nicht wirklich überrannt ist, wird man wahrscheinlich nicht das ganze Zeremoniell eines Gourmetmenüs auf sich nehmen müssen, um es auszuprobieren, sondern auch bei einem Gang und einem Glas nur mal eine kleine Pause einlegen können. Für Flaneure ist das, wenn die Qualität nicht nachlässt, sicher eine gute Nachricht.

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