Zeitung Heute : Joseph Kantelberg-Abdulla: Ein Fall fürs Vermischte

Harald Martenstein

Bei der Nachrichtenagentur dpa kann man die Wende genau datieren, sie fand gestern morgen um 7 Uhr 57 statt. In jener Minute sendete dpa den Satz: "Die Berichterstattung über den Tod des sechsjährigen Joseph wird ab sofort im Ressort Vermischtes fortgesetzt." Joseph war kein politischer Fall mehr, kein Skandal, kein östliches Menetekel. Nur noch ein totes Kind. Und eine offene Frage. In "Bild Online" hieß es gestern über Renate Kantelberg-Abdulla, Josephs Mutter: "Hat sie, blind vor Schmerz, getäuscht, getrickst und gelogen?"

Getäuscht, getrickst, gelogen: so harte Worte? "Bild" war immerhin das Blatt, das sich als erstes zum Sprachrohr von Renate Kantelberg-Abdulla gemacht hat, weil der "Spiegel" bei der Story nicht schnell genug anbiss. Weil sie beim "Spiegel" das taten, was alle hätten tun sollen - recherchieren, abwarten, prüfen. Und alle folgten "Bild", auch die Politiker, auch wir, diese Zeitung. Nein, für die Medien ist der Fall kein Ruhmesblatt, und wenn wir nicht aufpassen, wird es noch schlimmer. Dann nämlich, wenn wir den Ärger über uns selbst nach außen kehren und auf eine Frau richten, die ein Kind verloren hat und vor deren Fenster junge Neonazis randalieren, und das nicht erst seit gestern. Beides steht fest. Beide Tatsachen reichen aus, jede für sich, um zu verzweifeln und den Kopf zu verlieren. Wer kann schon über Renate Kantelberg-Abdulla und ihren Mann den Stab brechen?

Man könnte über die Projektion von Schuld reden - muss die Versuchung für Eltern nicht riesengroß sein, Schuld zuzuweisen, nach dem Tod eines Kindes, nach diesem wahrscheinlich härtesten Schlag, den es in einem Leben geben kann? Aber wenn wir nicht aufpassen, sind wir schon wieder zu schnell. Steht es wirklich hundertprozentig fest, dass Renate Kantelberg-Abdullas Version vom Tod ihres Sohnes ganz und gar unwahr ist? Was wissen wir mit Sicherheit? Es gibt ein totes Kind und eine kleine Stadt mit vielen Neonazis, es gab eine Apothekerfamilie von außerhalb und nachlässige Ermittlungen, damals, als Joseph starb. Das ist es auch schon fast mit den sicheren Erkenntnissen.

In Sebnitz waren zwanzig Kamerateams und Dutzende von Reportern, auch aus den USA. Aber Wahrheit ist eben etwas anderes, nichts, was sich filmen lässt oder eine gute Interviewfrage hergibt. Ereignisse, Fakten, Neuigkeiten - das alles pflegen wir sofort einzuweben in ein feines Netz von Vorurteilen, das jeder Mensch in seinem Kopf hat und wahrscheinlich braucht und sein Weltbild nennt. Journalisten sind da keine Ausnahme, im Gegenteil. Denn unser temporeicher Beruf zwingt uns oft dazu, den Instinkten zu folgen und uns klüger zu stellen, als wir sind. Besonders groß ist die Versuchung, im Zweifel dem Schwächeren zu glauben: dem angeblichen Vergewaltigungsopfer, dem angeblich misshandelten Kind, dem angeblichen Folter- und Naziopfer. Wer an der Version des angeblichen Opfers zweifelt, macht sich verdächtig - sympathisiert er oder sie vielleicht insgeheim mit den Motiven des Täters oder der Tat selbst? Kann ein Anti-Nazi einen Nazi für unschuldig halten? Macht sich nicht mitschuldig, wer an einer Schuld zweifelt, die offensichtlich zu sein scheint? Jeder Strafverteidiger kennt diesen Verdacht.

Der Schwächere hat immer Recht: ein sympathischer Irrtum. Aber wir wissen ja, dass es nicht stimmt. Nicht jeder Skinhead ist ein potenzieller Mörder, nicht jeder angeklagte Mann ein Vergewaltiger, nicht jeder Flüchtling ein Verfolgter.

Die Versuchungen, sich von den eigenen Emotionen hinreißen zu lassen, sind im Mediengeschäft in den letzten Jahren größer geworden - weil die Medien selbst immer emotionaler geworden sind. Der kühle, staubtrockene, am britischen Beispiel geschulte Nachrichtenredakteur, der Mensch, den nur die Fakten interessieren: eine aussterbende Spezies. Ein bisschen Boulevard ist heute überall. Langeweile tötet. Bei jeder Überschrift überlegen wir uns, wie wir es ein bisschen emotionaler hinbekommen könnten. Dadurch sind die Medien und die Welt bunter und spannender geworden, aber auf der anderen Seite ist auch die Gefahr gewachsen, sich zu irren. Und schneller ist das Geschäft geworden, viel schneller.

Auch am 12. Januar 1994 meldeten die deutschen Zeitungen ein besonders scheußliches Verbrechen. In der "Frankfurter Allgemeinen" las es sich so: "Drei rechtsradikale Jugendliche haben in Halle eine 17 Jahre alte Rollstuhlfahrerin überfallen. Die Skinheads im Alter von 15 bis 20 Jahren haben dem Mädchen ein Hakenkreuz ins Gesicht geritzt." Drei Tage später hatte sich herausgestellt, dass sich das Mädchen das Hakenkreuz selbst ins Gesicht geschnitten hatte: eine verwirrte Person, eine von vornherein unglaubwürdige Geschichte, wie es nun überall hieß.

Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Victor Weber, sprach gestern von einer "Hetzkampagne" der Medien gegen die Stadt Sebnitz. Wer eine Kampagne führt, will etwas erreichen. Was? Beim Tod des kleinen Joseph treten wir in die Phase der nächsten Schuldprojektion ein: Hat wieder einmal der Westen Deutschlands sein Klischeebild vom Osten zum Maß genommen - Osten, Naziland, wo keiner seines Lebens sicher ist? Am 14. September dieses Jahres haben der Tagesspiegel und die "Frankfurter Rundschau" eine gemeinsame Dokumentation veröffentlicht. Seit der Wiedervereinigung sind der rechten Gewalt in Deutschland 93 Menschen zum Opfer gefallen, davon 32 Ausländer und 15 Obdachlose. Wenn es also aus dem Fall Joseph eine Lehre zu ziehen gibt, dann kann es nur eine doppelte sein: erstens, dem feinen Netz von scheinbaren Wahrheiten zu misstrauen, das unser Weltbild uns liefert. Und zweitens: alles für möglich zu halten - die öffentliche Hinrichtung eines Kindes aus politischen Motiven ebenso wie einen Nazi, der unschuldig ist.

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