Jubiläum : 1913: Kafka und die Realität

Vom Anhalter Bahnhof über den Askanischen Hof in die Immanuelkirchstraße und den Grunewald: Vor genau hundert Jahren reiste Franz Kafka ein zweites Mal nach Berlin, um hier seine Briefgeliebte Felice Bauer zu treffen.

100 Jahre nach Kafkas Ankunft in Berlin: Die Reste des Anhalter Bahnhofs am Askanischen Platz im Jahr 2013
100 Jahre nach Kafkas Ankunft in Berlin: Die Reste des Anhalter Bahnhofs am Askanischen Platz im Jahr 2013Foto: dpa

Auf den Tag genau vor hundert Jahren, es ist der Karfreitag des Jahres 1913, weiß Franz Kafka noch immer nicht, ob er nun nach Berlin fahren soll. Ein paar Tage zuvor hatte er seine Schriftgeliebte Felice Bauer gefragt, ob er sie treffen könne, bloß „eine beliebige Stunde“. Nach ihrer ersten Begegnung sieben Monate zuvor in Prag und nach hunderten von Briefen ist es vielleicht an der Zeit, sich ein zweites Mal leibhaftig zu sehen. Trotz ihrer Zusage lässt ihn „die Vorstellung des wirklichen Menschen“, der Felice Bauer nun einmal ist, sein Vorhaben unentwegt infrage stellen. Noch am Ostersamstag, da er sich schließlich auf den Weg macht, schickt er ihr eine Karte mit den Worten: „Noch immer unentschieden.“

Am Samstagabend trifft er in Berlin ein, um 23 Uhr, am Anhalter Bahnhof, damals der größte Bahnhof der Stadt, laut Walter Benjamin die „Mutterhöhle der Eisenbahnen“. Ob Kafka nach dem vielen Hin und Her ernsthaft geglaubt hat, dass Felice Bauer ihn abholen würde? Oder ob er sich nicht doch schnurstracks in sein Hotel begeben hat, in den nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernten „Askanischen Hof“ in der Königgrätzerstraße, der heutigen Stresemannstraße? Der Imagination sind bezüglich dieser Nacht und des darauf folgenden Morgen keine Grenzen gesetzt, da Kafka sich in Briefen und auch in seinem Tagebuch darüber ausschwieg.

Florian Illies zum Beispiel schreibt in seinem Buch „1913“, Kafka sei nach der Ankunft „unruhig“ die Bahnsteige abgelaufen: „Setzte sich dann in die Wartehalle, damit er sie ja nicht verpasste. Geht dann nach unendlichen Minuten des Wartens doch und fährt zum Hotel. Findet keinen Schlaf. Kaum dämmert der Tag, springt er auf, rasiert sich. Doch immer noch kein Zeichen von Felice.“ Ob es so war? Sie jedenfalls scheint cool geblieben zu sein. Der Brief, den er ihr Ostersonntag in der Früh zukommen lässt, ist für sie das Zeichen. Er beklagt sich, „was ist denn geschehn, Felice?“, deutet an, dass er wieder „um 4 oder 5 wegfahren“ müsse (warum eigentlich?), und bittet um Nachricht. Die kommt, per Telefon, und Kafka fährt zu Felice in die Immanuelkirchstraße, von wo beide sich in den Grunewald aufmachen. Obwohl Kafka bis zum 24. März in Berlin bleibt, gibt es kein weiteres Treffen mehr zwischen den Liebenden. Die Realität, die Felice aus Fleisch und Blut, sie kommt ihn zu hart an. „Am Telephon des Askanischen Hofes war ich Dir näher“, schreibt er ihr später, „fühlte die Seligkeit einer Verbindung mehr als vorher auf dem Baumstamm im Grunewald.“

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