Jubiläum : Karajans Erbe

Morgen feiert ihn die ganze Welt, morgen wäre Herbert von Karajan 100 geworden. Nur Aachen ziert sich, die Stadt, in der er Generalmusikdirektor wurde – als 27-Jähriger. Mit seiner „braunen“ Vergangenheit will man nichts zu tun haben. Eine Spurensuche

Christine Lemke-Matwey[Aachen]

Fünf Minuten und 17 Sekunden dauert das Gespräch mit Wolfgang Rombey. Der Mann spricht in kurzen, unwirsch-knarrenden Sätzen, in den Pausen – 21, 22, 23 – scheint er buchstäblich den Atem anzuhalten. Das Thema behagt ihm nicht. Seit zwei Jahren ist Rombey Aachens „Beigeordneter für Kultur, Bildung, Jugend und Sport“, außerdem vertritt er den SPD-Oberbürgermeister Jürgen Linden als Stadtdirektor. Dieser wiederum – jeder in Aachen erzählt es bereitwillig – hat zum Fall Karajan eine dezidierte Meinung. Und die vertritt jetzt auch Rombey. Der städtische Umgang mit dem Dirigenten sei „völlig unverkrampft“, die Sache „klar aufgearbeitet“. Man dürfe eben keine Angst davor haben, als „Nestbeschmutzer“ zu gelten. Mit anderen Worten: Aachen will mit Herbert von Karajan nichts zu tun haben. Daran ändert auch der 100. Geburtstag des Maestro Mundi nichts? „Nein.“

Bereits in der Jugend bedeutende Rolle eingenommen

Szenenwechsel. Ein Nichtraucherrestaurant in der Innenstadt, Marcus Bosch hat gerade Verdis „Rigoletto“ dirigiert und widmet sich nun seiner Vorspeise: Carpaccio vom gebratenen Schweinerücken mit einer Limetten-Olivenöl-Crema. Seit sechs Jahren ist der 39-Jährige in Aachen Generalmusikdirektor, eine Kritikerumfrage der „Welt am Sonntag“ hat ihn unlängst mehrfach in der Kategorie „bester Dirigent, bestes Orchester“ nominiert, die lokale Presse preist den „Bosch-Effekt“, auch das Geschäft mit den CDs läuft nicht schlecht. „Als ich hierher kam“, erzählt er, „schlichen die Musiker wie geprügelte Hunde durch die Stadt.“ Heute sind sie wieder wer, kommen quer durch den Regen gerannt, um ihrem Chef eine gute Nacht zu wünschen, bedanken sich nach besonders gelungenen Vorstellungen. „Was gibt es Schöneres?“, fragt Bosch leise und kostet den vorzüglichen Wein. Karajan, o ja, der habe in seiner musikalischen Jugend eine mächtige Rolle gespielt. Obwohl, ästhetisch, vom Klanglichen her sei er nie recht sein Fall gewesen.

Bosch kann also zufrieden sein und ist es auch, und wahrscheinlich gibt es nichts, was ihn mehr von seinem Vorgänger Herbert von Karajan unterscheidet. Überhaupt: Müsste man einen Gegentypus zur Marke „HvK“ entwerfen, er sähe aus wie Marcus Bosch. Da der Algendiät-Fetischist mit dem Gletscherblick – hier der Sommersprossenträger, der fast Agrarökonomie studiert hätte. Da der Perfektionist, der durch unzureichende Sänger- oder Orchesterleistungen in seinen Ansprüchen nur noch manischer wurde – hier der Orchestererzieher, der vor Ort die Ärmel aufkrempelt. Der Prophet des Schönklangs und der postmoderne Allroundmusiker. Der Weltraumsegler und der kleine König. Was beide eint, ist die Ochsentour durch die Theaterprovinz, die Genauigkeit in der Arbeit, außerdem war Boschs Lehrer bei Karajan Assistent. Ob er sich vorstellen könne, politisch jemals so korrumpierbar zu sein wie der Salzburger? Bosch denkt nach, antwortet schließlich sybillinisch-korrekt. Die niederrheinische Provinz erzieht ihre Bewohner zur Vorsicht.

Als Wolfgang Rombey 1948 geboren wird, befindet sich Herbert von Karajan gerade auf dem Weg nach Wien. Aachen, wo er von 1934 bis ’42 als Generalmusikdirektor für Furore sorgt, liegt hinter ihm. Aachen, wo Heinz Tietjen, der Intendant der Berliner Staatsoper, 1938 sein „unbändiges Genie“ entdeckt. Aachen, das ihn 1942, als er in Berlin und an Furtwängler scheitert, abweist: Einer, der mit Goebbels im Clinch liegt, ist nicht geheuer. Im Mai 1947 schreibt Karajan im Zuge seines (erstaunlich flinken) Entnazifizierungsverfahrens an den Aachener Domkapellmeister Rehmann: „Und nun hoffe ich, dass die Opfer von damals und all die Gemeinheit, die ich auf mich nehmen musste, nun endlich aufhören und ich endlich das tun kann, wonach ich mich seit Jahren sehne, Harmonie und Schönheit unter die Menschen zu bringen.“ Der Brief umfasst zwei Seiten ohne Punkt und Komma und bleibt das einzige schriftliche Dokument, in dem Karajan sich mit seiner braunen Vergangenheit auseinandersetzt. An der Lüge, er habe wegen der Heirat mit der „Vierteljüdin“ (und Industriellentochter) Anita Gütermann, seiner zweiten Frau, aus der NSDAP austreten müssen, hält er bis an sein Lebensende fest. Ist das vielleicht Jürgen Lindens und Wolfgang Rombeys und Aachens Problem?

Mitläufer, Opportunist, Karrierist

Karajan war Mitläufer, Opportunist, Karrierist. Kein politisch denkender Mensch, kein Nazi. Einer von vielen. Dass er bereits am 1. Mai 1933 und also in Ulm, wo er als Kapellmeister engagiert war, in die Partei eintrat und nicht erst 1935 in Aachen, scheint er in der Tat „vergessen“ zu haben. Sein Parteiabzeichen soll in der Schreibtischablage zwischen Radiergummis und Bleistiftspitzern vor sich hin gestaubt haben. Und der Titel eines „Musikbeauftragten der Stadt Aachen nach den Bestimmungen der Reichsmusikkammer“, der ihm am 16. April 1936 verliehen wird, zielt in erster Linie auf die Kontrolle der Konzertprogramme: nichts „Jüdisches“ oder „Entartetes“. Eine Sache, die sich für Karajan, der in Aachen endlich seinen Hunger auf das schwere deutsche Fach stillen will, von selbst versteht. Wagner, Strauss, Bruckner. Oder muss man sagen, er habe mit diesem Repertoire der NS-Ideologie gezielt gehuldigt?

Alfred Beaujean, mit 87 Aachens dienstältester Musikkritiker, ein gewitztes Männlein mit schnellen Augen, hat Karajan noch erlebt, bevor er selbst 1940 an die Front musste. Zurzeit arbeitet er an einer Genealogie der Dirigenten in Aachen, von Fritz Busch über Paul van Kempen bis Wolfgang Sawallisch – das Drei-Ränge- Theater mit der Schinkel-Fassade hat seit jeher große Namen angezogen. Das Karajan-Kapitel ist im vergangenen Jahr als Band 109 der „Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins“ erschienen, und da steht eigentlich alles drin. Fast alles. Dass Karajan in Aachen gegen den Willen des Orchesters engagiert wurde („Die Musiker fanden ihn begabt, aber unerfahren.“); dass er im alten Konzertsaal an der Couvenstraße als Erstes das kanzelartige Dirigentenpult gegen ein modernes, kleineres auswechseln ließ (während die Nazis ihrerseits am Kronleuchter herumschraubten, dessen zwei übereinandergelegte Dreiecke ihnen plötzlich als Davidstern aufstießen); und dass Karajan nach dem Krieg noch dreimal nach Aachen kam, 1950 und 1952 mit den Wiener Symphonikern sowie 1977 mit den Berliner Philharmonikern – drei von „Sensation und Nostalgie“ umwitterte Ereignisse, wie Beaujean formuliert.

Der Aufsatz schreibt aber auch Lücken, zwangsläufig. Sei es, dass Karajans Personalakte im Aachener Stadtarchiv lediglich bis 1939 reicht, der Rest bis zum 22.4.42 – Karajans letztem Konzert – gilt als verschollen. Sei es, dass der mündlichen Überlieferung nicht recht zu trauen ist. Ob es stimmt, dass Karajan renitenten Musikern gerne mit dem Satz „Oder wollen Sie vielleicht lieber in den Schützengraben?“ drohte? Stimmt es, dass er den örtlichen Lehrergesangsverein aushebelte, indem er den zuständigen Kreisleiter darauf aufmerksam machte, dass Beamte hier geistliche Musik sängen (die fortan betätigungslosen Sänger landeten selbstredend alle bei Karajan)? Im Beseitigen von Hindernissen, sagt Beaujean, habe sich schon der ganz junge GMD hervorgetan. Ein Despot, die künstlerische Inkarnation, wenn man so wolle, des „Führerprinzips“.

Wir sitzen im Theatercafé im Foyer (dem einzigen Teil des Hauses, der neben dem Schinkel’schen Portikus das Bombardement vom 14. Juli 1943 überlebte), der Cappuccino schmeckt wenig italienisch, über unseren Köpfen ragt eine bronzene Karajan-Büste von der Wand. Der Meister schätzungsweise in seinen frühen Siebzigern, wallende Mähne, forsche Stirn. Beaujean feixt und erzählt in schönstem Aachener Singsang seine vielleicht schönste Geschichte. Wie er des Winters nach einem Konzert mit einem Schulfreund am Bühneneingang steht, Karajan tritt heraus, soeben noch ganz Tschaikowskys „Pathétique“ hingegeben, nun pelz- umkränzt, und dem Freund entfährt es: „Mensch, Alfred, so aussehen!“

Drei weitere Büsten leistet sich das Theater Aachen, und sie sind der sprechende Beweis dafür, dass eine Stadt das richtige Maß nicht findet: Beethoven, Goethe und Lessing. Ein (verdächtiger!) Dirigent auf Augenhöhe mit den Größen deutscher Geistesgeschichte? Ähnlich hilflos muten die Aktivitäten einer Aachener Bürgerstiftung für ein neues Konzerthaus an. Der Slogan „Karajan-Philharmonie“ warf hier gleich alle Türen wieder zu. Sie aufzuschließen, fällt ohnehin schwer. Zwei Faxe gehen an die Adresse der Fabrikantenfamilie Talbot, in deren Gartenhäuschen an der Eupenerstraße Karajan wohnte: ob die Reporterin kurz anrufen oder vorbeikommen dürfe, in aller Höflichkeit und Diskretion. Keine Antwort, nicht einmal eine Absage. Theaterdramaturg Kai Weßler zuckt mit den Achseln, es gäbe so allerlei merkwürdige Widerstände. Trotzig führt er durch die Theaterkatakomben zu einem alten Dirigierhocker, auf dem auch Karajan während langer Stücke noch gesessen haben soll, und zu einem nicht minder abgeschabten, wackligen Pult in einem der Studierzimmer. Letzte, einzige Reliquien des ungeliebten Herrn v. K..

Keine Narrenfreiheit für die Kunst

Morgen also, am 5. April, gedenkt die (Musik-)Welt Karajans 100. Geburtstag. In Salzburg, London, Zürich, Tokio, Wien, Berlin, Ulm. In Aachen, wie gesagt, geschieht dies ohne offizielle Unterstützung. Gewiss, das Theater darf augenzwinkernd ein „Fest für Herbert“ veranstalten (Thomas Bernhard lässt grüßen). Guerillaartige musikalische Aktionen in den Cafés, Schwimmbädern, Kaufhäusern und Museen der Stadt sind geplant, eine Zeitzeugen-Talkshow, abends „Rigoletto“ unter Marcus Bosch und – apropos Vergangenheit – eine Lesung aus Klaus Manns „Mephisto“-Roman. Das Ganze ohne jedes Budget. Eine umfangreichere Karajan- Ausstellung – auch das will niemand laut sagen – kam nicht zustande, weil die Stadtsparkasse das zugesicherte Sponsoring widerrief, auf Druck „von oben“. So werden der Narrenfreiheit der Kunst die Instrumente gezeigt.

Weshalb aber tut sich die Stadt Aachen mit Herbert von Karajan so schwer? Wolfgang Rombey schweigt. „Das wissen Sie doch.“ Warum existiert in Aachen bis heute keine Karajan- Straße, nicht einmal eine Gasse, kein Platz? Stille. „Es gab da eine große Nähe zur Naziherrschaft, von daher ist es bislang nicht zu einer solchen Ehrung gekommen.“ Und also wäre in Ulm, Wien, Salzburg, Berlin, Linz und halb Japan die pure Gesinnungslosigkeit am Werk? Das ist verständlicherweise nicht Rombeys Problem. Er denkt an die Aachener Graf-von-Schwerin-Straße, die seit letztem August wieder Kornelimünsterstraße heißt. Gerhard Graf von Schwerin – General der Wehrmacht und jahrzehntelang als „Retter von Aachen“ gefeiert – habe unmittelbar vor Kriegsende, so ein neuerliches Gutachten, weder Befehle verweigert noch geheime Übergabeverhandlungen mit den Alliierten geführt. Alles Legende. Und den Unterschied zwischen einem hoch dekorierten Soldaten, der noch im September 1944 zwei Aachener Kinder wegen „Plünderei“ hinrichten ließ, und einem Dirigenten, der letztlich nur an sich selbst interessiert war, den kriegt die Stadt sicher auch noch raus.

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