Zeitung Heute : Jürgen Kocka streift durch die Jahrhunderte, um Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit zu finden

Anne Strodtmann

Jeden Tag melden die Börsen neue Höchststände. Unter den Unternehmen grassiert die Fusionitis. Die Gewinne erreichen Rekorde, doch jeder neue Zusammenschluss bedroht Tausende von Arbeitsplätzen. Die Wirtschaftsbosse halten sich zurück, wenn es um Auswege aus diesem Dilemma geht. Klar ist aber: Auf Dauer wird die Gesellschaft diese Zerreißprobe nicht aushalten. Die klassische Vorstellung von lebenslanger Erwerbsarbeit hat ausgedient.

Das Berliner Wissenschaftskolleg hat ein großes Forschungsprojekt zur Zukunft der Arbeit aufgelegt, bei dem Forscher aus verschiedenen Kontinenten neue Ansätze zur Zukunft der Arbeitswelt entwickeln (Agora-Projekt). Jürgen Kocka, Historiker an der Freien Universität und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ist federführend an der Vorbereitung des Agora-Projekts beteiligt. In einem Vortrag am Einstein-Forum skizzierte er die Bedeutung der Arbeit in der Gesellschaft.

Die Massenarbeitslosigkeit lässt sich nach seiner Ansicht nur schwer in einen historischen Kontext einordnen. Am Arbeitsmarkt hat immer ein sehr labiles Gleichgewicht geherrscht. Verschiedentlich gab es massive Einbrüche bei den Arbeitsplätzen. Die heutige Massenarbeitslosigkeit in Deutschland sei durchaus vergleichbar mit der Situation im 19. Jahrhundert, als sich unsere heutige Vorstellung von Arbeit entwickelte.

Unter "Arbeit" war nicht überall und zu jeder Zeit dasselbe zu verstehen. So wird im zentralafrikanischen Mali das Wort für Ackerbau auch für Tanz verwendet. In Europa galt bis etwa 1800 eine Definition, nach der Arbeit einem Zweck außerhalb ihrer selbst diene und gleichzeitig Verpflichtung und Notwendigkeit sei. Seit damals werde Arbeit mit Anstrengung und Mühsal in Verbindung gebracht. Im 19. Jahrhundert verengte sich dieser Begriff auf die reine Lohnarbeit.

Im antiken Griechenland war die Arbeit vor allem eine Sache der Sklaven, Bürgerrechte und Arbeit waren strikt getrennt. Im Mittelalter finden sich zwei unterschiedliche Einschätzungen: In der religiösen Betrachtungsweise war Arbeit in den Klöstern ein Stück Buße. In den Städten hingegen, in denen sich die Zünfte und Kaufleute etablierten, galt sie als Ausdruck der politischen Emanzipation und von Freiheit. Arbeit legitimierte Wohlstand. In einem religiösen Kontext habe auch Martin Luther die Arbeit gesehen, sagte Kocka. Für ihn sei jede Arbeit ein Stück Gottesdienst gewesen. Im 17. und 18. Jahrhundert nahm die Bedeutung der Arbeit weiter zu und trug wesentlich zur Bildung einer bürgerlichen Identität bei. Der Philosoph Kant behauptete gar, erst in der Arbeit könne der Mensch das Leben spüren. Muße sei leere, nutzlose Zeit. Die Folgen dieser Einstellung sind bis heute spürbar: nach wie vor wird Arbeitslosigkeit von der Gesellschaft negativ stigmatisiert.

Mit der Entstehung der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert brach ein Widerspruch auf: Die Arbeit gewann an sozialer, kultureller und politischer Bedeutung. Als Beleg dafür verwies Kocka auf das Schlagwort von der "nationalen Arbeit", das um 1848 herum geprägt wurde. Die Entwicklung der Sozialgesetzgebung seit 1880 aber galt den Arbeitern, also den Erwerbstätigen, und war keine staatliche Fürsorge für Arme. In diese Zeit fiel übrigens die Gründung der deutschen Sozialdemokratie, die sich wie die anderen politischen Parteien bis heute schwer damit tut, die Interessen der Arbeitslosen anzuerkennen. Sozialdemokraten und Gewerkschafter fühlen sich noch immer zuerst denen verpflichtet, die Arbeit haben. Ende des 19. Jahrhunderts wurde erstmals zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit unterschieden. Gleichzeitig habe sich damals erstmals Protest gegen die Fremdbestimmung des Individuums durch die Lohnarbeit geregt, sagte Kocka.

Bis heute habe sich die Vorstellung von Arbeit verändert. Unabhängig von allen Definitionen sei die Arbeit für die Menschen zum zentralen Wert ihres Lebens geworden. Das zeige sich beispielsweise daran, dass sie ihre Lebenserinnerungen fest an das Berufsleben koppeln. Es zeigt sich aber auch daran, dass viele arbeitslose Menschen mit schweren Sinnkrisen kämpfen.

Den Widerspruch zwischen Arbeitslosigkeit und moderner Wirtschaft hält Jürgen Kocka für lösbar. Dafür gebe es eine Reihe positiver Signale, beispielsweise durch eine andere Verknüpfung von Beruf und Freizeit, eine neue Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sowie durch neue Modelle für die Lebensarbeitszeit.Zwischen dem 12. und dem 14. April veranstaltet das Wissenschaftskolleg einen Kongress zu den sozialen Bindungen durch die Arbeitswelt. Informationen über Matthias Bergmann vom Wissenschaftskolleg Berlin, Wallotstraße 19, 14193 Berlin, Telefon: 89001255, Fax: 89001200, E-Mail: bergmann@wiko-berlin.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar