Jürgen Zöllner : Da qualmt der Colt

Wortkarger Reiter aus dem Westen: Seit Dezember 2006 gibt Senator Jürgen Zöllner nun den Clint Eastwood des Berliner Bildungswesens. Er ist nicht gekommen, um zu verwalten. Den Ärger, den seine Haltung hervorruft, hält er aus.

Anja Kühne
Zöllner
Gestalten, nicht verwalten: Bildungssenator Zöllner. -Foto: dpa

Es ist der Urstoff des Western. Der stoppelbärtige wortkarge Reiter aus der Ferne erreicht eine Stadt, in der es zwar munter zugeht, der es aber an Ordnung mangelt. Der Stadt kann geholfen werden. Der Held, schlau, hart und ein guter Schütze, greift durch, dass die Colts nur so qualmen – und kann nach getaner Arbeit alleine in den Sonnenuntergang reiten.

Seit Dezember 2006 gibt Senator Jürgen Zöllner nun den Clint Eastwood des Berliner Bildungswesens. Selbst ein Gewächs aus dem beschaulichen Rheinland-Pfalz, in dem er 15 Jahre Wissenschaftsminister war, hat der 63-jährige Medizinprofessor mit dem zerfurchten Gesicht Berlin gezeigt, was er will. Er ist gekommen zu gestalten, nicht zu verwalten. Den Ärger, den seine Haltung hervorruft, hält er aus.

Im Schulwesen will Zöllner die große Reform, die Fusion der Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer neuen Sekundarschule, die im Ganztagsbetrieb läuft und zum Abitur führt. Die Kitas will Zöllner mit den Grundschulen verzahnen, die Grundschulen mit den Oberschulen.

Der Eingriff ist nötig, erzeugt aber Unruhe. Nicht nur, weil Zöllner den Zugang zum Gymnasium erschweren will und die Linke eine „Sozialquote“ wünscht. Schulen werden abgewickelt. Lehrer, die sich schon länger reformmüde fühlen, stehen vor weiteren Anforderungen. Zöllner braucht mehr Geld, um pädagogische Spielräume zu schaffen. Möglich, dass er es bekommt. Er muss es bekommen.

Bei den Unis ist es ihm schon gelungen. Seit vielen Jahren ist er der erste Wissenschaftssenator, der dem Senat zusätzliches Geld abgerungen hat. Millionen fließen in Zöllners neue Einstein-Stiftung für die Berliner Spitzenforschung. Auch hat der Senator sein politisches Schicksal davon abhängig gemacht, dass die Berliner Hochschulen vom nächsten Jahr an einen erheblich höheren Landeszuschuss bekommen, um ihr jetziges Leistungsniveau halten zu können.

Trotz seines Engagements steht Zöllner in der Wissenschaft schlechter da als im Schulwesen. Sein großer Gestaltungswille passt nicht zu den in die Autonomie entlassenen Hochschulen. Zöllners Einstein-Stiftung wird als intransparentes „bürokratisches Monster“ kritisiert, das mittelfristig den Unis ihre Filetstücke in der Forschung wegnehmen und sie zu „Volkshochschulen“ degradieren werde. All das hätte Zöllner sich ersparen können, wenn er eine schlanke Einrichtung nach dem Vorbild der von Wissenschaftlern weithin akzeptierten Deutschen Forschungsgemeinschaft geschaffen hätte.

Neue Fragen wirft Zöllners Plan auf, die seit über zehn Jahren existierenden Berliner Hochschulverträge abzuschaffen. Wie viel Geld die Hochschulen bekommen, soll in Zukunft allein von der Studierendenzahl abhängen. Dabei ist es das bisherige System – die Hochschulen haben Autonomie und Planungssicherheit, werden aber auch nach ihrer Leistung ausgestattet – dem der erstaunliche Aufschwung der Unis zu verdanken ist. Die Zahl der Abbrecher ist gesunken, bei den Einwerbungen von Drittmitteln pro Professor ist Berlin bundesweit Spitze.

Angesichts der Berliner Erfolge auch im Elitewettbewerb wirkt Zöllners von Aktionismus und Sturheit geprägter Umgang mit den Unis rätselhaft. Berlins Hochschulen geben dem Senator keinen Anlass dafür, sie wie einen faulen Gaul zu behandeln, dem man Beine machen muss. Etwas weniger Clint Eastwood, etwas mehr Lucky Luke, und Zöllner könnte auch in der Hochschulpolitik eine gute Figur machen.

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