Zeitung Heute : Jütland: Eine Spur verhaltener

Sabine Neumann Horst Schwartz

Ein Hauch von Gemächlichkeit liegt über dem Land. Das spüren Besucher sofort, wenn sie bei Frøslev oder Tønder über die Grenze fahren. Alles läuft eine Spur verhaltener bei unseren nördlichen Nachbarn - der Straßenverkehr und der Einkauf im Supermarkt, der Gang zur Behörde und der Schwatz mit den Nachbarn. Sie nehmen sich mehr Zeit für das Leben, die Jütländer.

Jütland ist - im wahrsten Sinne des Wortes - farbig. Die Gute-Laune-Farben, die die Jütländer wie alle Dänen bevorzugen, fallen sofort ins Auge. Sie werden noch vom Licht hervorgehoben, das in Jütland von ganz besonderer Intensität ist. Wenn es die Farben zum Strahlen bringt, wirkt das ganze Land blitzsauber. Selbst wenn Stürme über Jütland peitschen und Dauerregen Badefreuden in weite Ferne rücken lässt, verheißen die klaren, warmen Farben Geborgenheit: das Sonnengelb und Rostrot der Fachwerkhäuser, das Taubenblau der Fischerkähne, das frische Weiß der Gartenmöbel. Die Wohnungen und Häuser der Dänen sind vor allem eins: "hyggelig", also heimelig, behaglich, gemütlich.

Das Farbenspiel wiederholt sich in der Natur, im Gelb der Rapsfelder, im Braun der abgeernteten Äcker, im Blau des Himmels. Dabei präsentiert sich Jütlands Landschaft - die auf den in alle Welt verschickten Urlaubs-Grußkarten meist auf ein immer gleiches Motiv beschränkt wird: Sandstrand und Dünen - mit überraschender Vielfalt. Weite Felder prägen das Bild Südjütlands, schier endlos lange Strände die Westküste. Hinter dieser sich über 400 Kilometer erstreckenden (meist etwas kühlen) Badewanne liegen Dünengürtel und Marschgebiete. Hier ist das Land weit und flach, nur ab und zu einmal etwas wellig. An der lieblicheren Ostküste spielt sich das Strandleben in kleineren Buchten ab, die Landschaft ist abwechslungsreicher, Hügel und Täler bestimmen das Bild - und immer wieder Wiesen und Wälder, die oft bis an den Strand reichen.

Überhaupt ist Jütland äußerst waldreich, im Seenhochland rund um Silkeborg etwa sind die Seen vollständig von bewaldeten Hügeln umgeben. Im Westen der Insel wandern Besucher eher durch ausgedehnte Kiefernplantagen, im Osten meist durch Buchenwälder. Und auch die großen Heide- und Moor-Gebiete in der Mitte Jütlands gehören nicht gerade zum gewohnten Postkarten-Bild ...

Die bedeutenden Städte sind fast an einer Hand abzuzählen: Ålborg, Randers und Århus, Silkeborg, Horsens und Vejle, Kolding und Esbjerg. Die Jütländer drängt es nicht in die Städte wie andere Europäer. Die dezentralisierte Infrastruktur - von den Einkaufsmöglichkeiten bis hin zum Sport- und Freizeitangebot fehlt es im ländlichen Raum an nichts - lässt sie die Großstädte gar nicht vermissen.

Hier prägt das Meer die Menschen, wie es auch die Geschichte des Landes geprägt hat: Die meisten größeren Orte und Städte liegen an der Küste, und zudem ist die See von kaum einem Punkt Jütlands aus weiter als 50 Kilometer entfernt. Mit Stolz präsentieren die Jütländer ihr Meer und alles, was an Land und unter Wasser dazugehört - im Fischerei- und Seefahrtsmuseum in Esbjerg beispielsweise, zu dem ein Salzwasseraquarium gehört, im Kattegatcenter in Grenå ("Ein Tag unter Haien" lautet dessen Slogan), im Nordsee-Museum in Hirtshals, wo sogar ein Bioscanner mit dem Mikrokosmos der Nordsee vertraut macht.

Was für uns die Ostfriesen sind, sind für die Dänen die Bewohner des nördlichen Ostjütlands: Anekdoten und Scherze stellen sie als einfältig dar. Überhaupt belächeln die Insel-Dänen, vor allem die Seeländer, ihre Landsleute auf dem Festland und stellen sie gern als provinziell und schwerfällig dar. In der Tat sind die Jütländer bei aller Gastfreundschaft, die den Dänen eigen ist, mitunter sehr verschlossen. Ihr gesundes Misstrauen hängt sicher nicht zuletzt mit ihrer Geschichte zusammen: Immer wenn die Herrscher im fernen Kopenhagen Schlachten schlagen ließen, wurde den Jütländern in Form einmarschierender fremder Truppen die Rechnung ins Haus geschickt.

Andererseits waren die Bewohner Jütlands, wie könnte es bei so viel Wasser ringsum auch anders sein, schon immer begnadete Händler. Kontakte zu schließen ist ihnen also nicht fremd, nur braucht das Prüfen und Abwägen eben seine Zeit. Geschäfte und neue Freundschaften, die meist ein Leben lang halten, werden noch heute mit Handschlag besiegelt.

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