Zeitung Heute : Jugend im Neonlicht

PATRICK WILDERMANND

Die beiden sind mit dem Deutschen Theater bestens vertraut. Julia Kandzora und Anne Nather arbeiten im Abenddienst des Hauses an der Schumannstraße, Garderobe, Einlass, Service, Infostand, was eben so anfällt. Kein schlechter Nebenjob, wenn man sich für die Bühne begeistert. Nicht zuletzt bietet er den Vorteil, sich die Stücke umsonst anschauen zu dürfen, außerdem ermöglicht er den Austausch mit Gleichgesinnten, anderen Theaterentflammten. Kandzora etwa hat, angeregt von Arbeitskontakten, eine eigene freie Gruppe mitbegründet. Nun haben die beiden Frauen, die miteinander befreundet sind, allerdings auch einen Hauptberuf, und der wird sie bald dort ins Rampenlicht rücken, wo sie im Abenddienst weitgehend unsichtbar bleiben. Sie schreiben für die Bühne. Und sie sind eingeladen zu den „Autorentheatertagen Berlin“, die zum ersten Mal am Deutschen Theater stattfinden.

Julia Kandzoras Text „In Neon“ zählt zu jenen vier Stücken, die der Filmkritiker Michael Althen als alleiniger Juror aus 160 Einsendungen für die „Lange Nacht der Autoren“ ausgewählt hat. Es ist Kandzoras Theaterdebüt, vorgestellt wird es in einer Werkstattinszenierung. „Ich versuche, mich möglichst freizumachen von konkreten Erwartungen“, entgegnet sie lächelnd auf die Frage, was sie sich erhofft von der Plattform des Festivals, „sonst kommen ja auch Befürchtungen dazu.“ Auf jeden Fall wird es spannend sein, zu erleben, was dem Regisseur Simon Solberg zu diesem staunenswert sprachgewaltigen, poetischen Wurf einfällt. „In Neon“ erzählt keine Geschichte, sondern beschreibt Sehnsüchte, es lässt einen Mann durch die Unbehaustheit seines Daseins, seiner Beziehungen irren, von einer Stimme ohne Gestalt zur Selbstbefragung herausgefordert.

Anne Nathers Stück „Im Wald ist man nicht verabredet“ wird dagegen in der Zürcher Inszenierung von Daniela Löffner in der Box des DT gezeigt, als eines der Gastspiele, die während des Festivals einen Überblick über Stand und Stärke der Gegenwartsdramatik geben sollen. Auch dieser Text findet einen bemerkenswert eigenen Ton, indem er einen magisch-realistischen Kosmos malt. Zwei Brüder, einer von ihnen todkrank, leben in der Abgeschiedenheit einer Waldhütte, in die aus dem Nichts die junge Elsie platzt, eine flirrende Märchenfrau in einer fragilen Dreierbeziehung. Nather sagt, sie habe in Löffner „eine tolle Regisseurin gefunden, mit der ich gerne weiter zusammenarbeiten würde, das ist etwas sehr Kostbares“.

Beide Nachwuchsdramatikerinnen haben das Schreiben studiert. Kandzora, 1982 in Hamburg geboren, war am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig eingeschrieben, der Schwerpunkt dort lag allerdings auf Prosa und Lyrik, seit frühen Tagen verfasst sie Gedichte. Erst nach dem Ende des Studiums begann sie, sich dem Szenischen zuzuwenden, „nicht, weil mich Dramatik nicht interessiert hätte, im Gegenteil“, sagt sie, „sondern weil ich einen großen Respekt davor hatte und diese Hemmschwelle lange nicht überwinden konnte“.

Anne Nather, Jahrgang 1985 und in der Nähe von Kassel aufgewachsen, nennt das Studium „einen Zeitspender“, der wichtig für den wechselseitigen Austausch sei und der einen Mechanismen finden lasse, ins Arbeiten zu kommen. Sie hat ihren Abschluss an der UdK in Berlin gemacht, nahm bereits am Düsseldorfer Autorenlabor mit Thomas Jonigk teil, und an der Schaubühne lief im Rahmen der „Deutschlandsaga“ eine Werkstattinszenierung ihres Kurzstücks „Dilettantendisko“.

Die beiden beherrschen ihr Handwerk, ohne dass ihre Texte erkennbaren Regeln folgen würden. Sind spürbar persönlich, ohne in private Befindlichkeiten zu rutschen. Sie lassen eine klare Stimme hören auf dem Markt der Gegenwartsdramatik. Auf die Konkurrenz dort angesprochen, entgegnet Kandzora schlicht, sie wolle ihr Schreiben so weit es ginge von Druck freihalten. Und Nather fügt hinzu: „Man muss seinen eigenen Platz finden, nicht nach links und rechts schauen, was die anderen machen.“ PATRICK WILDERMANN

„Im Wald ist man nicht verabredet“, Gastspiel Schauspielhaus Zürich, 11.4., 20.30 Uhr, Box des DT; „In Neon“ im Rahmen der Langen Nacht der Autoren, 17.4., ab 19 Uhr

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