Jugendarbeitslosigkeit : Solidarisieren, reformieren!

Solidarität! Gute Arbeit! Höhere Löhne! In Deutschland, in Europa! Wenn die Gewerkschaften an diesem 1. Mai mit ihren Parolen durch die Hauptstädte ziehen, scheint es, als falle der Kontinent in zwei Welten auseinander. Hier Deutschland, wo die Beschäftigten üppige Lohnerhöhungen herausholen, wo Vollbeschäftigung nahe ist und Firmen händeringend gute Mitarbeiter suchen. Dort Europas Krisenländer, in denen die Arbeitslosigkeit immer neue Rekorde erreicht, die immer tiefer in den Strudel der Krise geraten. Solidarität – es ist das Schlagwort der Stunde.

Die Misere trifft vor allem die Jugend: Mehr als die Hälfte der jungen Menschen unter 25 Jahren in Griechenland und Spanien suchen einen Job, in Portugal und Italien mehr als jeder Dritte.

Insgesamt fehlt 26 Millionen Menschen in der EU eine Perspektive. Nur selten tauchen die Schicksale hinter diesen Zahlen auf – wenn sich wütende Demonstranten in Madrid mit der Polizei prügeln, wenn Streikende mal wieder halb Athen lahmlegen. Die Wut wirft Fragen auf: Hält das Projekt Europa das aus? Was wird aus einer Jugend, die gleich zu Beginn ihres Berufslebens signalisiert bekommt, überflüssig zu sein? Ist die Austeritätspolitik tatsächlich ein Irrweg?

Hohe Jugendarbeitslosigkeit geht meistens zusammen mit schlechter Wirtschaftspolitik. Fehlender Wettbewerb, zu viele Gesetze, starre Arbeitsmärkte, unzureichende Bildungssysteme: Viele dieser Probleme finden sich in Spanien, Italien, Griechenland und Portugal, selbst in Frankreich. Läuft es nicht, ist es für Unternehmer oft einfacher, junge Leute gar nicht erst einzustellen, als Alte mühsam zu feuern. Und wer sich in seinem Arbeitsleben von Job zu Job hangelt, kommt nur selten auf einen grünen Zweig, erst recht nicht im Alter.

Deshalb ist die Bundesregierung der falsche Adressat für die Klagen des Südens. Die Sparpolitik legt die Fehler nur offen, die die Schuldenländer seit Jahren begehen. Verantwortlich sind ihre Politiker, die sich nach der Euro-Einführung über den von Niedrigzinsen angefachten Boom gefreut und nötige Reformen darüber verschleppt haben. Nicht ohne Grund machen investitionswillige Firmen um die Südländer einen Bogen –  Angela Merkel hat damit nichts zu tun.

Trotzdem kann der Bundeskanzlerin die Misere der Nachbarn nicht egal sein. Exportkonzerne wie Volkswagen, Linde oder Henkel verdienen dort gutes Geld, immerhin hat die europaweite Bankenrettung gerade die Spargroschen der Deutschen gerettet. Und sie tun ja auch etwas: Jedes Prozent Lohnplus hierzulande hilft den übrigen Euro-Staaten. Auch mehr Zeit für die Sanierung der Haushalte darf kein Tabu sein. Das wird Geld kosten, dürfte aber zu verschmerzen sein.

Das gilt nicht für die Krisenrezepte, die in Europa kursieren und auf den Staat als Heilsbringer setzen. Ein Investitionsprogramm, wie es die Gewerkschaften fordern, verschöbe nur die Probleme in die Zukunft – in der die Schuldenlast noch schwerer wöge. Und die Jobgarantie für Jugendliche, an der die EU bastelt, geht an einer zentralen Erkenntnis vorbei: dass eine Ausbildung umso erfolgreicher ist, je enger sie sich an der Praxis orientiert. Nicht zufällig hat Deutschland die zweitniedrigste Jugendarbeitslosigkeit aller reichen Länder.

Eine Chance hat der Euro nur, wenn die Europäer dem Kampfbegriff von der Solidarität neues Leben einhauchen. Und nicht immer nur nach Geld aus Deutschland rufen. Neid und Streit werden die Währung nicht retten.

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