JUGENDERINNERUNGENDer Schauspieler Ernst Jacobi und das Dritte Reich : Schuld macht nicht krumm

Gregor Dotzauer

Wenn er an Weihnachten des Jahres 1942 denkt und an den Neunjährigen, der sich vor einer Wolkenwand fotografieren ließ, sieht er das: „Ich stehe hinter meinen über kreuz verschränkten Armen. Zu einem Drittel im Versteck. Aus Scham. Weil ich die braunen Baumwollstrümpfe tragen musste. Und den Bleyle-Anzug. Den verfluchten kratzigen. Der überhaupt nicht zu der Panzer-Mütze passte. Schon gar nicht zu dem Totenkopf. Geschweige denn zu dem verhassten Leibchen mit den Gummi- Strapsen, von denen man zum Glück nichts sah. Einzig die Füße, in der Standbein-Spielbein-Stellung verrieten etwas von der Souveränität und der Gelassenheit des Panzerkommandanten, der dieses Foto von sich machen ließ.“

Die Aufnahme ziert den Umschlag von Ernst Jacobis „Rechenschaftsbericht“ mit dem schlichten Titel „,geb.’33’“ (Transit Verlag) – die Jugenderinnerungen eines Berliner Schauspielers, der zwischen Familien- und Kriegswirren seinen Weg erst finden musste und sich dabei auch zum nationalsozialistischen Jungvolk verirrte. Doch „Schuld macht nicht krumm“, weiß er heute. „Wenn man aus ihr gelernt hat, kann man selbstbewusst und aufrecht gehen.“

Dass das Jahr, in dem das Dritte Reich zusammenbrach, mit dem Ende seiner Kindheit zusammenfiel ließ ihn einen „Riss“ entdecken, „in dem ich zur Besinnung kam. Dort hab’ ich das erworben, was ich Würde nenne ... nämlich die Fähigkeit, Schuld zu begreifen. Schuld zu tragen.“ In einer Matinee im Renaissance- Theater stellt der in München lebende Jacobi sein Buch jetzt vor. Gregor Dotzauer

Renaissance-Theater, So 13.4., 11.30 Uhr, 15 €, erm. 10 €

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