Jugendgewalt : Alles halb so schlimm?

Es scheint für die Berliner Justiz einen Riesenunterschied zu machen, ob ein Gymnasiast einen Brandsatz in Richtung Polizei schleudert oder ob er einen ganz normalen Bürger auf dem Nachhauseweg totzuschlagen versucht.

Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Kurz nach dem 1. Mai 2009 werden in Berlin zwei Gymnasiasten festgenommen, genauer gesagt zwei Waldorfschüler, 17 und 20 Jahre alt. Sie stammen aus bürgerlichen Verhältnissen. Einer der beiden ist, aus polizeilicher Sicht, noch niemals auffällig gewesen. Man wirft ihnen vor, einen Molotowcocktail in Richtung Polizei geworfen zu haben, gemeinsam, eine Frau wurde verletzt, die Anklage lautet auf Mordversuch. Diese Anklage steht auf wackligen Füßen, unter anderem, weil die beiden Zeugen, Polizisten, sich in Widersprüche verstricken und weil ein Foto vom Tathergang existiert, auf dem die Täter nur wenig Ähnlichkeit mit den Beschuldigten besitzen. Trotzdem verbringen die Schüler sieben Monate in Untersuchungshaft. Sieben Monate. Dann: Freispruch.

Vor einigen Tagen haben zwei Gymnasiasten, beide 18, einen Handwerker auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße beinahe totgeschlagen, aus Freude an der Gewalt. Diese Tat ist gut dokumentiert. Freispruch? Unmöglich. Der Mann liegt bewusstlos am Boden, einer der Täter tritt wieder und wieder gegen seinen Kopf. Sein Leben verdankt das Opfer vielleicht nur dem Eingreifen eines tapferen Touristen aus Bayern. In diesem Fall wurde von Untersuchungshaft abgesehen. Begründung, unter anderem: Die Täter sollen weiter die Schule besuchen dürfen, sie lebten in stabilen Verhältnissen.

Das alles, Wort für Wort, traf auch für die Beschuldigten des Jahres 2009 zu. Die Parallelen sind wirklich auffällig – ähnliche Täterprofile, ähnliche Tatvorwürfe. In dem einen Fall sieben Monate Untersuchungshaft, in dem anderen nicht einen einzigen Tag.

Es scheint für die Berliner Justiz einen Riesenunterschied zu machen, ob ein Gymnasiast einen Brandsatz in Richtung Polizei schleudert oder ob er einen ganz normalen Bürger auf dem Nachhauseweg totzuschlagen versucht. Im ersten Fall ist die Justiz zu äußerster Härte und unverhältnismäßig langer U-Haft aufgelegt, im anderen Fall schickt man den Täter sofort nach Hause zu Mutti, offenbar voller Sorge, der gute Junge könne eine Schulstunde verpassen.

Die Jugendrichterin Kirsten Heisig hat in ihrem Buch „Das Ende der Geduld“ gesagt, was zu diesem Thema gesagt werden muss. Man hilft jungen Gewalttätern nicht, indem man sie zart anfasst und laufen lässt. Sie brauchen eine schnelle und deutliche Antwort auf ihre Taten, nur so lernen sie, das ist ihre und unsere einzige Chance. Richter, die an jugendliche Totschläger die Botschaft senden, das alles sei halb so schlimm und das Wohlbefinden der Täter sei wichtiger als das Leid der Opfer, machen sich schuldig. Vielleicht sollten die Haftrichter sich einfach vorstellen, das Opfer sei kein Installateur, sondern ein Polizist oder gar ein Richter.

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