Zeitung Heute : Jugendherbergen: Kanu fahren statt Spülzwang - Zeitgemäße Gastgeber sehen sich als moderne Dienstleister

Michael Evers

Um 22 Uhr war Zapfenstreich. Nicht nur die Haustür wurde mit dem Gongschlag verschlossen, auch das Licht erlosch sekundengenau. Wohl dem, der eine Taschenlampe dabei hatte, die genügend funzelte, um den grantigen Herbergsvater noch ein wenig auf die Palme zu schicken. Doch die Zeiten sind vorbei. Die Jugendherbergen in Deutschland werden bei Schulklassen und Familien wieder beliebter. Statt mit Erbsensuppe und Spülzwang locken die mehr als 600 Häuser zunehmend mit Freizeitangeboten vom Kanu fahren oder Klavier spielen bis zu Umweltprojekten oder Zirkuskursen.

Herbergsväter, -mütter beziehungsweise -eltern sind vielfach abgelöst von Menschen, die das Gastgeberfach gelernt haben und ihren Betrieb als Dienstleistungsunternehmen verstehen, mit dem auch Geld verdient werden kann. Um den gestiegenen Ansprüchen der Gäste zu entsprechen, wurden viele Jugendherbergen modernisiert, die Zimmer verkleinert und Fachkräfte aus dem Hotel- und Gastgewerbe eingestellt. Pauschalangebote für Schulklassen sollen den Lehrern künftig das Buchen komplett organisierter Klassenfahrten ermöglichen. Rund 10,2 Millionen jüngere und ältere Gäste übernachteten 1999 in einem der 77 000 Betten. Das waren 130 000 Gäste mehr als im Kalenderjahr zuvor.

"Wir sind mit Volldampf dabei, die Jugendherbergen auf einen zeitgemäßen Standard zu bringen", sagt Jacob Geditz vom Jugendherbergsverband für Rheinland-Pfalz und das Saarland in Mainz. Deutschlandweit wurde die Modernisierung in den 45 Herbergen in seinem Bereich am ergeizigsten vorangetrieben. 112 Millionen Mark wurden in den vergangenen zehn Jahren verbaut, was sich in Form stetig steigender Übernachtungszahlen bezahlt macht.

Investiert wurde in mehr Zwei- und Vierbettzimmer mit Dusche und Toilette, gemütliche Aufenthalts- und Tagungsräume, leistungsfähige Küchen mit Bistro oder Cafeteria. Verstärkt würden die Herbergen auch für Familien mit Kindern geöffnet, für die Familienzimmer eingerichtet worden seien. Die Preise stiegen dennoch nur moderat. Eine Übernachtung mit Frühstück kostet in der preiswertesten Kategorie 21,30 Mark. Mit Vollpension sind in den besseren Herbergen 45,50 Mark zu zahlen. Mit diesen Einnahmen muss sich der Betrieb einer Jugendherberge tragen. Zu den Investitionen gibt es dagegen Zuschüsse vom jeweiligen Land und oft auch von den Kommunen. "Die Herberge ist gut eingerichtet und hat ein gutes Programm", lobt Lehrer Ralf Gsöllpointner die Jugendherberge im hessischen Lauterbach, der Ort liegt im Vogelsbergkreis. "Wir haben einen extra Essraum, den wir den ganzen Tag zum Arbeiten nutzen können." Der Herbergsvater vermittelte einen Busunternehmer, mit dem Ausflüge geregelt wurden. Mit einer siebten Klasse aus Göttingen ist der Pädagoge in der Herberge, die seit kurzem mit einem alten Zirkuszelt als besonderer Attraktion aufwarten kann. "Gestern hat eine Gruppe aus Kassel dort eine Vorführung gegeben." Vor der Abfahrt wollen die Schüler das Zelt als Disko nutzen. Training ist im Jonglieren und Clown-Spielen möglich.

"Wir setzen auf Erlebnisprogramme", sagt der Sprecher des hessischen Herbergsverbandes, Joachim Weigelt, in Frankfurt. "Früher waren die Gäste selbst aktiv, jetzt wollen sie ein Angebot." Das reicht von Ski- und Rodelkursen im Wintersportort Willingen über einen Bauerngarten in Wabern (Schwalm-Eder-Kreis) bis hin zu Kanutouren am nordhessischen Edersee, wo eine ganze Herberge aus Blockhütten geschaffen wurde.

Auch weltweit betten immer mehr junge und ältere Menschen ihr Haupt in Jugendherbergen. "Mit fast 35 Millionen Übernachtungen erreichten die weltweit 4300 Häuser 1999 einen historischen Höchststand", teilte ein Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Jugendherbergswerkes (DJH) mit Sitz in Detmold (Nordrhein-Westfalen) mit. Damit seien die Übernachtungszahlen im Vergleich zum Vorjahr um 3,8 Prozent gestiegen.

Als Hauptgrund für die Entwicklung der nach seinen Worten "größten Beherbergungskette der Welt" nannte der DJH-Sprecher den guten Komfort der Häuser. Im internationalen Vergleich hätten die 36 Jugendherbergen in Peru in Südamerika besonders stark zugelegt. In dem Andenstaat seien die Übernachtungen trotz der im vergangenen Jahr herrschenden Überschwemmungen um 53 Prozent auf 68 000 gestiegen. Deutliche Zuwächse verzeichneten auch die fünf Jugendherbergen in dem Golfstaat Qatar und die 182 spanischen Häuser. Die weltweit 4300 Jugendherbergen verfügen nach Angaben des DJH-Sprechers über insgesamt 342 000 Betten.

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