Zeitung Heute : Jugendidole meiden

Lars Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Wenn man jung ist, macht man komische Sachen. Ich zum Beispiel habe mit fünf davon geträumt, an Stelle von Old Shatterhand neben Winnetou auf einem Pferd in den Sonnenuntergang zu reiten.

Gestern holte mich die alte Sehnsucht wieder ein. Ich kam an den Rathauspassagen in Mitte vorbei, und wer schaute mich von einem Plakat mit durchdringenden Indianeraugen an? Pierre Brice. Sieht zwar nicht mehr ganz nach Apachenhäuptling aus mit seinen grauen Schläfen, aber immer noch beeindruckend. Das Bild hängt da, weil er hier am 8. März zu Gast bei einer Talkshow ist. Kurz überlegte ich, ob ich hingehen sollte. Der alten Indianerblutsbrüderschaft zuliebe.

Aber dann erinnerte ich mich an die persönliche Begegnung mit einem anderen Jugendidol und erschauderte. Ein paar Jahre nach Winnetou hatte ich eine Phase, in der ich Udo Lindenberg verehrte. Rückblickend ist das peinlich. Aber aus der Sicht eines Elfjährigen war der Mann damals einfach cool. Auch diese Leidenschaft verblasste, ich vergaß Udo, bis vor zwei Jahren ein Lindenberg-Auftritt beworben wurde und ein Interview mit ihm geführt werden sollte. Da traf ich also den Helden meiner Jugend persönlich – und wurde enttäuscht. Er war unnahbar, unfreundlich, fahrig und abgelenkt, stand mitten im Gespräch auf und verließ wortlos das Zimmer, kam kurz darauf zurück, ignorierte meine Fragen, unterhielt sich stattdessen mit einer jungen Frau, die die ganze Zeit neben ihm saß und irgendwie zu ihm zu gehören schien, zeigte sich immer desinteressierter und gab mir irgendwann zu verstehen, dass meine Zeit um sei, ohne dass ein richtiges Gespräch entstanden war. Ich war empört, meine Jugend erschien mir nachträglich wie eine Phase enttäuschter Träume.

Was lernen wir daraus? Wenn Sie wie ich früher ein glühender Pierre-Brice-Fan waren, bleiben Sie am morgigen Mittwoch den Rathauspassagen fern. Leihen Sie sich lieber „Winnetou“ auf Video aus.

Morgen, 18 Uhr: „Einmal Winnetou, immer Winnetou“, Pierre Brice zu Gast in den Rathauspassagen am Alexanderplatz. Eintritt frei

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